Leben im Dauerfeuer
„Mami, warum gehen wir dahin, wo sie schießen?“

Die Menschen in Slawjansk leben im Dauerfeuer. Seitdem der ukrainische Präsident eine Offensive angeordnet hat, sind die Pausen zwischen den Angriffen auf wenige Stunden geschrumpft. Eindrücke aus der Rebellenhochburg.
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SlawjanskSeitdem der ukrainische Präsident Petro Poroschenko eine Offensive angeordnet hat, leben die Menschen in der Rebellenhochburg Slawjansk in fast ununterbrochener Todesfurcht. Mit dem Auslaufen der Waffenruhe am Montagabend sind die Pausen zwischen den Granatwerfer-Angriffen auf wenige Stunden geschrumpft. Wer konnte, ist diesem Inferno entflohen. Nach Schätzungen hat ungefähr die Hälfte der ursprünglich 130.000 Einwohner die seit Wochen heftig umkämpfte Stadt an einer strategisch wichtigen Straße verlassen.

Denen, die dageblieben sind, geht es von Tag zu Tag schlechter. „Wir leben in unserem Keller“, berichtet Swetlana Dobrostroi. Sie hat eine sechs Jahre alte Tochter und einen zehnjährigen Sohn. „Die Kinder sind sehr verängstigt. Sie wissen, es ist Krieg. Sie sind die ersten, die in den Keller rennen.“ Dobrostroi hat kein Einkommen mehr, seitdem die Molkerei, in der sie arbeitete, mit Beginn der Kämpfe geschlossen hat.

„Ich habe kein Geld mehr“, sagt die 29-Jährige. Ihr Notgroschen sei auf 20 Hryvnia – 1,25 Euro – geschrumpft. „Ich habe keine Verwandten. Ich bin total allein. Ich kann nirgendwo hingehen.“ Einer anderen jungen Mutter, Natalia Schukowa, geht es nicht besser. Sie hat keinen Keller. Wenn die ersten Detonationen der Einschläge zu hören sind, sucht sie mit ihrer 13 Jahre alten Tochter Schutz im Flur.

„Ich habe eine blinde, zuckerkranke Mutter und eine 90 Jahre alte Großmutter“, sagt Schukowa. „Wie kann ich da fortgehen? Wie könnte ich meine Großmutter hierlassen? Sie würde auf der Flucht sterben, wenn ich sie mitnehmen würde.“

Fast alle Menschen, die in Slawjansk geblieben sind, haben ihren Arbeitsplatz verloren. Die Schulen haben geschlossen. Rentner und Pensionäre bekommen kein Geld mehr, seitdem die Separatisten im April das Kommando in der Stadt übernommen haben. Strom gibt es nur noch in wenigen Gebäuden. Wegen der ausgefallenen Stromversorgung kann auch das Trinkwasser nicht durch die städtischen Leitungen gepumpt werden. Jeden Morgen stehen deswegen die Einwohner mit Kannen und Eimern Schlange an den Ausgabestellen für Trinkwasser.

Obwohl die Rebellen anfangs mit offenen Armen von vielen Slawjanskern empfangen wurden, gibt es zunehmende Kritik an den Milizen. Olga, die ihren Nachnamen nicht nennen will, wirft den Kämpfern vor, das Feuer der Regierungstruppen auf Wohngebiete zu lenken, indem sie von dort aus mit Granatwerfern die Kiewer Truppen beschießen. „Es macht den Eindruck, als würden die Milizionäre absichtlich die Stadt zerstören“, sagt die 30-Jährige. „Wir hatten ein Ziel, wir wollten unabhängig sein. Wir haben den Rebellen geholfen“, sagte sie. „Und nun sehen wir nichts von diesem Ziel. Wir sehen nur Chaos. Hier herrscht Anarchie und Gesetzlosigkeit.“

Olga berichtet, dass sie mit ihrem fünf Jahre alten Sohn Jaroslaw mehrmals versucht hat, aus Slawjansk zu entkommen. Da sie es sich aber nicht leisten könne, irgendwo hinzugehen, sei sie immer wieder umgekehrt. „Jarik ist schon daran gewohnt“, räumt sie ein. „Aber wenn wir zurückgehen fragt er, Mami, warum gehen wir dahin, wo sie schießen?“ Sie habe ihn dann gefragt: „Hast du Angst, wenn sie schießen?“ Er habe leise geantwortet: „Ja.“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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