Leben im Irak
„Oh Allah, bewahre!“

Aus dem Leben eines Irakers: Ein Normalbürger aus Bagdad hat seine Erlebnisse im Krisengebiet in einem Tagebuch festgehalten. Aufzeichnungen über den alltäglichen Wahnsinn auf Bagdads Straßen und das ständige Leben mit der Angst.

BAGDAD. Wenn mein Wecker um fünf klingelt, ist es jeden Tag das Gleiche: kein Strom. Ich taste im Dunkeln nach meiner Taschenlampe, die ich mir am Abend zuvor zurechtgelegt habe, und gehe in den Garten. Dort steht der unentbehrliche Kleingenerator, den ich in Gang setze, indem ich – wie bei einem Rasenmäher – mehrmals an einem Starterseil ziehe. Dann endlich brennt das Licht in meinem kleinen Haus. Nun geht die Routine weiter: Petroleum-Heizgerät anzünden, Wasserkessel aufsetzen, waschen, eine Scheibe Brot mit Käse und ein Tässchen Tee. Wenn ich die Gartentür hinter mir geschlossen habe, sende ich ein Stoßgebet zum Himmel: „Oh Allah, bewahre!“

Jeden Tag benutze ich einen anderen Weg und andere Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen. Mal nehme ich ein Taxi, mal einen Kleinbus. Stets so, dass ich gegen halb acht dort bin. Niemand darf wissen, wo ich arbeite. Im Arabischen gibt es das Sprichwort „Der Kluge versteht durch einen Wink“. Ich bin vorsichtig, sehr vorsichtig, selbst mit Andeutungen. Im Durchschnitt brauche ich für die Strecke zum Arbeitsplatz anderthalb bis zwei Stunden. Ohne Checkpoints und ohne Texas-Barrieren, wie wir sie nennen, würde ich die Strecke in 15 bis 30 Minuten schaffen. Aber die Blockaden zwingen den Fahrer zu einem Zickzack-Kurs.

Schlimmer als all das sind jedoch die Gefahren, die auf einen Normalbürger wie mich auf den Straßen warten: imaginäre Kontrollpunkte von Milizen und Todesschwadronen, Autobomben und Sprengsätze.

Auch auf meiner heutigen Fahrt zur Arbeit höre ich Explosionen, irgendwo in Bagdad, Gott sei Dank nicht in meiner unmittelbaren Umgebung. Wir Hauptstädter haben uns schon so daran gewöhnt, dass wir nicht einmal mehr zusammenzucken, wenn das Fahrzeug vom Druck der Detonationen erschüttert wird.

Gegen 16:30 Uhr mache ich mich auf den Rückweg. Schnellen Schrittes, um Gefahren aus dem Weg zu gehen und heikle Ecken möglichst flott hinter mir zu lassen. Immerhin hält es mich fit. Überlebenstraining. Wenn ich an die Haltestelle für Kleinbusse komme, dann stehen dort meist koreanische Kias. Staatliche Verkehrsmittel gibt es nicht mehr.

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