Leben in Beirut
„Wir wissen, wie man überlebt“

Bis vor zwei Wochen war Beirut einer der gefragtesten Orte in Nahost. Millionen Besucher kamen in den Libanon, vor allem arabischen Touristen. Nun fallen wieder Bomben auf die Hauptstadt. Doch statt zu resignieren, hoffen viele Beiruter bereits auf den nächsten Boom. Selbst der Krieg bringt einigen eine bizarre Sonderkonjunktur.

BEIRUT. Als ich Tony Salameh Anfang Juli zum letzten Mal traf, war er noch voller Pläne, „Aishti“, seine Kette kleiner Luxuskaufhäuser, auszubauen. Drei neue Läden in Dubai, zwei in Jordanien, einen in Katar und elf in Beirut wollte er eröffnen, um Luxusartikel von Dior, Balenciaga, Chloe und Marc Jacobs zu verkaufen. Und für ein Luxusapartmenthaus mit Meerblick sowie ein Kaufhaus mit 17 000 Quadratmetern Verkaufsfläche hatte er die Pläne fertig. Nun lächelt er gequält und sagt: „Jetzt habe ich auf einmal jede Menge freie Zeit.“

Meist trägt Salameh Mailänder Anzüge und bis zur Perfektion polierte handgemachte Schuhen. Als ich ihn vor seinem Flagship-Store in Beirut treffe, trägt er Jeans, Turnschuhe und ein weißes Hemd – und sieht dennoch aus, als wäre er bereit, jeden Moment einen neuen Deal zu machen.

Als ich ihn erblicke, spricht er gerade aufgeregt in sein Mobiltelefon – auf Italienisch. Er winkt mir zu, ihn zu begleiten. Auf Arabisch begrüßt er den Ladeninhaber von nebenan. Er möge doch bitte sein Geschäft offen halten – trotz allem.

Nur eine Woche zuvor schlängelte sich ein Gewusel von Shoppern an seinem Laden vorbei, und die Straßencafés waren voll mit Touristen. Nun sind wir fast die Einzigen hier. „Alle Läden außer uns haben geschlossen, es ist ein Desaster“, sagt Salameh, als wir uns setzen. „Wir haben nur den Cartier-Schmuck aus dem Schaufenster genommen, zur Sicherheit, aber alle anderen sind in Panik verfallen und haben ihre Schaufenster ausgeräumt. Wir spielen jetzt Musik vor unseren Läden, um ihnen Mut zu machen, auch wieder zu öffnen. Die Kunden kommen vielleicht zurück, wenn sie sehen, dass die Läden offen sind.“

Sie denken vielleicht, Luxusklamotten in einem Kriegsgebiet zu verkaufen sei sicher ein schlechtes Geschäft? Dann wissen Sie nicht viel über den Geschäftssinn von Libanesen wie Tony Salameh – und über die Lebenskraft von Beirut, einer Stadt, die sich bisher noch nach jedem Krieg, der sie verheerte, neu erfunden hat.

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