Leben in der Schweiz
Ein penibles Paradies

Die ach so langweilige Schweiz steckt voller Widersprüche. Fortschritt hier, betagte Tradition dort – bei den neutralen Eidgenossen stehen uralt und ultramodern gleichberechtigt nebeneinander. Aber gerade das ist ihr Erfolgsrezept. Ein Essay.

Mein erster Winter in der Schweiz: Der Schnee ist hoch, der Frost seit Monaten hartnäckig. Da neigt sich im Kanton Jura das Streusalz dem Ende zu. Wie, frage ich Schweiz-Anfänger mich, kann es sein, dass in einem der schneesichersten Länder Europas das Salz ausgeht? Das ist ja, als würde in Kalifornien die Klimaanlage ausfallen.

Ich gehe der Sache auf den Grund und erfahre, dass die Eidgenossen vermutlich über eines der modernsten Systeme verfügen, um festzustellen, wo wie viel Salz gestreut werden muss. Sensoren entlang wichtiger Straßen messen Temperatur und Schneedecke und übertragen ihre Daten an vorbeifahrende Streufahrzeuge, die dann automatisch die richtige Menge Salz ausspucken.

Wahnsinn! Diese Erfindung aus der Zukunft verbinden die Eidgenossen mit einer Organisation, die so circa aus Napoleons Zeiten stammt und „Rheinsalinen“ heißt. Das ist der Name des nationalen Salzversorgers. Er besitzt ein Monopol. Niemand darf an den Rheinsalinen vorbei von irgendwoher Salz einführen, egal, ob für den Tisch oder die Straße.

Ja, und die Rheinsalinen hatten sich in jenem Winter eben verrechnet und nicht genug Salz auf Lager. Da nützte auch das ausgeklügeltste Straßenstreusystem nichts. Zumindest nicht im Kanton Jura.

Warum ich die Geschichte mag? Sie sagt viel aus über unser Nachbarland, das inzwischen für uns Deutsche nach den USA zum wichtigsten Auswanderungsland geworden ist. Sie erzählt nebenbei von Wintern und Gegenden, in denen die Natur uns noch einen Strich durch den täglichen Ablaufplan machen kann. Sie erzählt von Menschen, die an Erfindungsgeist und Akribie, Erdachtes in die Tat umzusetzen, so schnell durch nichts und niemanden zu übertreffen sind. Außer eben durch sich selbst. Sie erzählt damit vor allem von einem Land der Widersprüche, in dem uralt und ultramodern auf engstem Raum ihren Platz nebeneinander beanspruchen. Einem Land ohne Meereszugang, das kürzlich zum zweiten Mal den wichtigsten Seglercup der sieben Weltmeere für sich entschieden hat. Einem Land ohne wesentliche Rohstoffvorkommen, in dem die meisten Rohstoffhändler der Welt sitzen.

Wer als Deutscher in die Schweiz kommt, meint zunächst, ins 17. Bundesland umzuziehen. Liegt ja nebenan, und die Leute sprechen doch die gleiche Sprache. Und hat nicht sogar unser Dichter Friedrich Schiller dem Nationalhelden dieser liebenswerten Eidgenossen, Wilhelm Tell, Gestalt und Worte verliehen? Also nichts wie hin, ins Land, wo die Löhne so schön hoch sind und die Arbeitslosigkeit so niedrig ist, sagen sich jährlich ein paar Zehntausend Deutsche.

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