Leben in Moskau
„Posmotrim“ – schau’n wir mal

Leben und Überleben in Moskau: Wer in der russischen Metropole Fuß fassen will, braucht Gottvertrauen und gute Nerven. Dann zeigt die Stadt auch ihre schönen Seiten. Eine Handelsblatt-Reportage.

MOSKAU. Es ist unerträglich heiß, obwohl ich splitterfasernackt bin – bis auf den spitzen Filzhut. Alle um mich herum tragen einen. Um die Haare zu schützen, hat mir ein Kollege erklärt. Wir sitzen auf einem Holzgestell und schwitzen. Der Boden unter uns ist mit duftenden Birkenblättern bedeckt. Sie stammen von den Zweigen, mit denen sich, ob nun Freund, Fahrer oder Bodyguard, die Männer gegenseitig bearbeiten – von hart bis zart. Gleich wird ein stiernackiger Kerl hereinkommen und einen riesigen Kübel Wasser in die offene Ofentür schütten oder vielleicht auch zwei. Dann wird es so heiß, dass man glaubt, die Haut würde anfangen zu brennen. Ich beginne, den Filzhut zu mögen.

Schließlich ist es nicht mehr zum Aushalten. Geduckt laufe ich hinaus und stürze mich draußen ins eiskalte Tauchbad. Mein Begleiter zieht mich weiter: raus in den gemütlichen Aufenthaltsraum, wo wir uns zu den anderen Männern auf eine der Lederbänke setzen, ein Bier bestellen und Krabben knabbern, die auch ein wenig verbrüht sind. Der hohe Raum mit den Säulen und kitschigen Ölbildern ist angefüllt mit Gelächter, lau-tem Geschwätz. So wie immer. Seit 1892. So alt ist Moskaus berühmteste Banja Sanduni. Ich schaue mich um: Da bin ich also in Russland, seit drei Monaten. Und alles ist so fremd und so vertraut zugleich.

Zum Beispiel die Banja: Auch wir Deutschen pflegen ja das Schwitzen. Doch nicht so: laut, lecker und am Ende ein wenig angeheitert. Hier würde es niemandem einfallen „pssst“ zu zischeln, wenn die Unterhaltung zu angeregt wird. Auch gibt es hier keine Sanduhren an den Wänden, die anzeigen, wann der Aufenthalt gesundheitlich bedenklich wird. Während sich Deutsche in der Sauna „nach allen Regeln entspannen“, leben die Russen im Bade förmlich auf. Denn draußen ist das Leben nicht einfach.

Russen arbeiten viel. Zumindest einige. Denn viele Geschäfte in Mos-kau sind rund um die Uhr geöffnet. Ist es sonntags zwei Uhr morgens, und mir ist nach einer Portion Leberwurst? Kein Problem. Ich gehe einfach in den nächsten Supermarkt. Dort begrüßt mich die Kassiererin, nicht gerade freundlich – doch ich bin ja auch müde. Eigentlich geht auch kein vernünftiger Mensch um zwei Uhr morgens im Supermarkt Leberwurst kaufen. Nur: Als Deut-scher gehört dies zu den Dingen, die ich schon immer einmal machen wollte.

Die Zahl der Dienstleistungen, die in Moskau rund um die Uhr zu haben sind, ist beträchtlich: Haare schneiden um 23.30 Uhr, in Büchern schmökern um 2.00 Uhr, oder im Baumarkt um 4.00 Uhr einen Bohrer kaufen. Die „Moscow Times“ hat neulich die Leute befragt, die nachts shoppen. Die meisten sind Freiberufler, können sich ihre Zeit einteilen. Ihre Beweggründe gleichen sich: Die Stadt ist leer, keine Staus, man hat endlich seine Ruhe. Auch wenn ich versuche, hier meine Einkäufe vor der Schlafenszeit zu erledigen – ich muss zugeben, da ist etwas dran. Denn Moskau bei Tag schlaucht. Ich vermute zwar, dass im Sommer die Hälfte der 15 Millionen Einwohner auf ihren Datschen lebt oder in die Türkei gefahren ist, der Rest reicht dennoch aus, um die Stadt gleichmäßig unter Starkstrom zu halten.

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