Lebende Legenden
Der Herr der 1000 Gleichungen

Nobelpreisträger Lawrence Klein hat die Welt in mathematischen Modellen nachgebaut und damit die moderne Konjunkturforschung begründet. Eine Handelsblatt-Serie.

HB DÜSSELDORF. Mit 34 Jahren steht der Mann kurz vor dem Ende seiner wissenschaftlichen Karriere: 1954 verweigert die Universität Michigan Lawrence R. Klein die Festanstellung – und auch an jeder anderen Hochschule des Landes wird er über Jahre kein Bein auf den Boden bekommen. Keine Frage, Klein war als talentierter, junger Ökonom aufgefallen. Mit seiner Dissertation, in der er die Theorien von John Maynard Keynes mathematisch unterfütterte, hatte er sich in der ökonomischen Szene einen Namen gemacht und bereits mit Ende 20 in der renommierten Fachzeitschrift „Econometrica“ veröffentlicht.

Die Professorenkarriere an einer US-Uni ist ihm in den frühen fünfziger Jahren trotzdem verbaut – durch etwas, was Klein selbst später als „jugendliche Naivität“ bezeichnen wird: Von 1946 bis 1947 war er Mitglied der Kommunistischen Partei Amerikas. In der McCarthy-Ära zerstört solch „unamerikanischer Umtrieb“ jede berufliche Perspektive im öffentlichen Dienst.

Klein hat keine Wahl: Um weiter forschen zu können, muss er die USA verlassen. Er geht nach Großbritannien, wo ihm die Elite-Universität Oxford ohne zu zögern einen Job gibt. Hier, am Statistischen Institut der legendären Hochschule, arbeitet er weiter an dem Ziel, das er Ende der vierziger Jahre in seinem „Econometrica“-Aufsatz beschrieben hatte: Der Entwicklung eines funktionierenden „Werkzeugs für die Analyse von Wirtschaftspolitik, das so weit wie möglich unabhängig ist von der persönlichen Einschätzung des jeweiligen Beobachters“.

Mit mathematischen Gleichungen und Formeln, so die Idee, könnte man jede Volkswirtschaft en miniature nachbauen – im Grunde ähnlich wie ein Modelleisenbahner. Massive Fortschritte bei der elektronischen Datenverarbeitung machten es seit Ende der vierziger Jahre möglich, bis dahin ungeahnte Mengen historischer Konjunkturdaten gleichzeitig zu analysieren und die ökonomischen Wirkungszusammenhänge zu untersuchen. Davon ausgehend, so die Vision, ließen sich zuverlässige Aussagen über die künftige Entwicklung der Gesamtwirtschaft machen – und Simulationen anstellen, welche Effekte wirtschaftspolitische Maßnahmen wie höhere Staatsausgaben oder niedrigere Zinsen haben. Solch eine „ökonomische Glaskugel“ war eine wichtige Voraussetzung dafür, um die von Keynes theoretisch beschriebene antizyklische Globalsteuerung in der Praxis anwenden zu können.

Schon mit seinen ersten Arbeiten, die in den vierziger Jahren in den USA entstanden waren, feierte Klein spektakuläre Erfolge. So hatte er 1946 der US-Wirtschaft einen Boom prognostiziert, während der ökonomische Mainstream das Land nach Kriegsende in eine tiefe Rezession fallen sah. Doch Klein lag richtig: Wie von ihm vorhergesagt, entlud sich die in den Kriegsjahren aufgestaute Nachfrage, und die heimkehrenden Soldaten brachten den Konsum zusätzlich in Schwung.

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