Lebenserwartung weltweit Spitze
Demografie trifft Japan mit Wucht

Japans Bevölkerungsstruktur verändert sich dramatisch. Schon jetzt sind 21 Prozent der Japaner älter als 65 Jahre. Die Regierung reagierte und hob das Mindestalter der Zahlungen aus der staatlichen Rentenversicherung von 60 auf 65 Jahre an. Doch arbeiten wollen viele Japaner schon längst bis ins hohe Alter – auch wenn sie weniger oder gar kein Geld dafür bekommen.

TOKIO. Einfach zuhause sitzen? Für Yoshio Kosaka undenkbar – obwohl er vor sieben Jahren erstmals pensioniert wurde. Der 67-jährige engagiert sich 30 Stunden pro Woche für einen Verein, der die Schriftzeichenkenntnisse unter Japans Jugend verbessern will. Außerdem spielt er Volleyball und arbeitet an einem Buch. „Für seine Gesundheit wäre es sicher besser, wenn er leiser treten würde“, sagt Kosakas Frau. Doch der ehemalige Angestellte eines Großunternehmens denkt gar nicht daran, seinen Freizeitstress zurückzufahren: „Ich wüsste sonst wirklich nicht, wohin mit meiner Zeit.“

So wie Kosaka kostet die Mehrheit von derzeit 27 Millionen japanischen Senioren ihr Alter voll aus – und denkt häufig gar nicht daran, mit dem Arbeiten aufzuhören. Einer Umfrage zufolge will ein Viertel der älteren Japaner ihre Zeit für ein gesellschaftlich nützliches Engagement einsetzen. Eine Mehrheit hat vor, nach Erreichen der Pensionsgrenze weiterzuarbeiten.

Die neue Liebe zur Aktivität könnte gerade noch rechtzeitig die japanische Wirtschaft retten. „Spätestens jetzt muss der Umbau zu einer Gesellschaft der lebenslangen Aktivität und Dienstleistungen beginnen“, sagt Atsushi Seike, Experte für demografische Ökonomie an der renommierten Keio-Universität. Japans Bevölkerungsstruktur wandele sich derzeit in nie gekanntem Tempo – die Gesellschaft müsse sich in der gleichen Geschwindigkeit mitwandeln, sonst gehe das Experiment mit Langlebigkeit und wenigern Kindern nicht gut.

Dem von der Regierung herausgegebenen „Weißbuch alternde Gesellschaft 2007“ zufolge sind derzeit 21 Prozent der Japaner älter als 65 Jahre. Im Vorjahr waren es noch unter 20 Prozent, in fünfzig Jahren werden es 40 Prozent sein. Zum dritten Mal in Folge ist die Bevölkerung geschrumpft. Bis 2015 wird die Zahl der Menschen, die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, um drei Millionen sinken. „Da die jungen Leute die Last des Renten- und Gesundheitssystems nicht allein tragen können, müssen die älteren Bürger einen höheren Anteil übernehmen“, sagt Seike. Ihm schwebt ein Umbau der Arbeitswelt vor. Die Unternehmen müssen künftig auch für Ältere Jobs zur Verfügung stellen – denn sie sind die Arbeitssuchenden von morgen.

Im vergangenen Jahr hat die Politik bereits reagiert: Zahlungen aus der staatlichen Rentenversicherung konnten bisher schon mit 60 beginnen, jetzt steigt das Mindestalter in einer kurzen Übergangsfrist auf 65. Zudem regelt ein Gesetz die Weiterbeschäftigung von Senioren. Die Anpassung war überfällig. Denn im laufenden Jahr fangen die geburtenstärksten Jahrgänge der Nachkriegszeit an, in Rente zu gehen, insgesamt 5,4 Millionen Männer und Frauen. Zwischen 1947 und 1949 hatten die Japaner besonders viele Kinder: Traditionelle Familienbilder wirkten noch fort, in der hoffnungsvollen Stimmung des Wiederaufbaus sah die Zukunft rosig aus. Vor der Reform 2006 lag die Pensionsgrenze in 90 Prozent der japanischen Unternehmen bei 60 Jahren. Jetzt werden die Firmen verpflichtet, ihre Mitarbeiter bis 65 weiterzubeschäftigen. Alternative: Sie müssen ihnen sofort nach der Pensionierung einen neuen Job anbieten. Die meisten Unternehmen wählen die Option der Wieder- statt der Weiterbeschäftigung. Wegen langer Betriebszugehörigkeit haben die Betroffenen meist ein hohes Gehalt. Nach der Zwischenpensionierung kann die Firma den Senior auf einem simpleren Posten für einen Bruchteil arbeiten lassen.

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