Leitzins sinkt auf 1,25 Prozent
Draghi macht den Greenspan

Der neue EZB-Präsident Draghi beginnt sein Amt mit einem Paukenschlag: Er senkt überraschend den Leitzins. Während der Markt noch feiert, werden Erinnerungen an die expansive Geldpolitik der Amerikaner wach.
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FrankfurtDer neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, überrascht die Märkte gleich in seiner ersten Sitzung: Die Notenbank hat die Zinsen überraschend gesenkt. Der Leitzins im Euro-Raum wird von 1,5 auf 1,25 Prozent verringert, wie die EZB am Donnerstag mitteilte. Draghi hatte erst am Dienstag den Franzosen Jean-Claude Trichet an der EZB-Spitze abgelöst. Die meisten Ökonomen hatten trotz der drohenden Rezession und der Staatsschuldenkrise zunächst keine Zinssenkung erwartet.

Draghi begründete ihre erste Zinssenkung seit Mai 2009 mit der Konjunkturflaute und nachlassendem Inflationsdruck. „Der konjunkturelle Ausblick ist weiter von hoher Unsicherheit belastet“, sagte der neue EZB-Präsident. Das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone werde in der zweiten Jahreshälfte sehr moderat bleiben. Die EZB werde ihre Wachstumsprognose für 2012 „sehr wahrscheinlich“ senken, fügte der Italiener hinzu.

Niedrige Zinsen verbilligen Kredite zwar und können Investitionen und Konsum ankurbeln. So dachte einst der ehemalige Chef der US-Notenbank Alan Greenspan. Das Ergebnis seiner Politik war eine gigantische Blase, die, als sie platzte, 2008 die Finanzmärkte fast zum Erliegen brachte. Damit nicht genug: Billiges Geld heizt auch die Inflation an - und die lag im Euro-Raum zuletzt bei 3,0 Prozent und damit weit über dem Zielwert der Währungshüter von knapp unter 2,0 Prozent. Die hohe Teuerung sprach nach Ansicht der meisten Volkswirte dafür, den wichtigsten Zins zur Versorgung der Geschäftsbanken im Euro-Raum mit Zentralbankgeld nicht zu senken. Die EZB hatte sich in diesem Jahr allmählich von ihrer Krisen-Politik des extrem billigen Geldes verabschiedet und den Leitzins in zwei Schritten von 1,0 auf 1,5 Prozent erhöht.  

Die überraschende Verbilligung des Zentralbankgeldes hat den deutschen Aktienmarkt beflügelt. Der Leitindex Dax weitete am Donnerstag seine Gewinne am aus und lag am Nachmittag mehr als 3 Prozent im Plus. Händler Markus Huber von ETX Capital sagte: „Erstmal wirkt die Zinssenkung positiv. Die wichtigere Frage ist aber, ob der Markt dies als besonnene Entscheidung oder als Zeichen großer Probleme wertet.“

Bereits zuvor hatte der Aktienmarkt laut Händlern positiv auf die Spekulationen über einen Rücktritt des griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou reagiert und war über die psychologisch wichtige Marke von 6000 Punkten gesprungen. Auch der europäische Leitindex EuroStoxx 50 lag am Nachmittag deutlich mit über 3 Prozent im Plus.

„Das ist eine sehr positive Überraschung, die Zinssenkung ist mehr als gerechtfertigt“, kommentierte Christian Schulz von der Berenberg Bank die Entscheidung. „Angesichts der wirtschaftlichen Lage ist ein
Anstieg der Inflation nicht zu erwarten. Das gibt Spielraum für mindestens eine weitere Zinssenkung.“

Auch unter Mario Draghi wird die EZB den umstrittenen Aufkauf von Staatsanleihen der Euro-Schuldenstaaten vorerst fortsetzen. Draghi betonte am Donnerstag in Frankfurt jedoch, das Programm sei vorübergehend und in seinem Umfang begrenzt. Die Sondermaßnahme sei dadurch gerechtfertigt, dass die EZB dadurch ihre Geldpolitik am Laufen halte. „Wir wollen, dass unsere Geldpolitik funktioniert“, erklärte der Italiener bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im neuen Amt.

Seit Mai 2010, als der EZB-Rat das Aufkaufprogramm beschloss, steckte die Notenbank Milliarden in Staatsanleihen von Schuldenstaaten wie Griechenland, Portugal und Italien. Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet war für den Schritt massiv kritisiert worden, viele warfen der EZB vor, zum Handlanger der Politik geworden zu sein. Auch in der EZB gab es Streit, der damalige Bundesbank-Präsident Axel Weber kritisierte den Aufkauf wiederholt öffentlich.

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  • Genau richtig! Danke!

  • There is no free lunch!

  • Die Angst ist berechtigt, denn selbst Ökonomen fordern heutzutage höhere Inflationsraten zur Senkung der Schuldenlast, trotz aller Lehren aus der Vergangenheit.

    Völlig ignoriert wird mittlerweile die Tatsache, dass Schulden nicht "weginflationiert" werden können, da sich parallel immer Defizite aufbauen, die schneller wachsen als die Inflation selbst. Zu Beginn einer Inflationierung kann man die Anleger noch täuschen und sie mit niedrigen Zinsen locken, aber sobald der Inflationierungsversuch auffliegt beginnt ein Wettlauf zwischen Inflationserwartungen und Gelddrucken. Und da heutzutage noch Buchgeld im Spiel ist, dürfte der Prozess viel dynamischer ablaufen als im letzten Jahrhundert.

    3% sind aktuell noch harmlos, aber der Wettlauf hat bereits begonnen. Italien muss trotz EZB Intervention mehr als 6% Zinsen zahlen und aus diesem Dilemma kommt die EZB nicht mehr heraus. Bald werden auch französische Anleihen gekauft und dann purzelt auch das deutsche AAA. Die Zinsen steigen und die Staaten wehren sich gegen die gemeinen Märkte mit der Druckerpresse. Was erneut die Zinsen erhöht, und auch die Defizite und die Schulden.

    Das Ding ist vorprogrammiert...

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