Letzter offizieller Schritt des Demokratisierungsprozesses
Afghanen haben neues Parlament gewählt

Zum ersten Mal seit über 30 Jahren haben die Afghanen am Sonntag ein neues Parlament gewählt. Begleitet wurde die Wahl von einer Welle von Anschlägen: Seit Freitag wurden in dem Land am Hindukusch mehr als 20 Menschen getötet.

HB KABUL. Präsident Hamid Karsai bezeichnete die Abstimmung als historischen Schritt und sprach von einem "Tag der Selbstbestimmung für das afghanische Volk". Trotz eines Boykottaufrufs der Taliban rechneten die Behörden mit einer hohen Beteiligung. Einige Wahllokale berichteten jedoch von weniger Stimmberechtigten als erwartet.

Die Parlamentswahl ist der letzte Schritt des im Dezember 2001 auf dem Petersberg bei Bonn beschlossenen Prozesses für den Übergang Afghanistans zur Demokratie. Bereits im Oktober vergangenen Jahres hatten die Afghanen in der ersten freien Präsidentschaftswahl Karsai zum Staatsoberhaupt gewählt.

Massive Präsenz der Sicherheitskräfte

Die mehr als 6000 Wahllokale wurden von rund 130 000 Sicherheitskräften bewacht, darunter 30 000 ausländische Soldaten. Angesichts der großen Anzahl von Kandidaten und entsprechend umfangreichen Stimmzetteln sowie der hohen Analphabetenrate ließen sich lange Wartezeiten kaum vermeiden.

Kurz nach Öffnung der Wahllokale schlugen am Sonntagmorgen in ein Lagerhaus der Vereinten Nationen in Kabul zwei Raketen ein, dabei wurde ein afghanischer UN-Mitarbeiter verletzt. Ein drittes Geschoss traf ein Lager der US-Streitkräfte. Bei einem Feuergefecht in der östlichen Provinz Chost wurden nach Angaben eines Polizeisprechers drei Extremisten und zwei Polizisten getötet sowie zwei US-Soldaten verletzt.

Verheerender Anschlag auf Staudamm vereitelt

In Kunar wurden bei einer Bombenexplosion zwei Polizisten und ein Fahrer verletzt, der Stimmzettel zu einem Wahllokal bringen wollte. In der Provinz Nangahar wurde das Haus eines Parlamentskandidaten von einer Granate getroffen, fünf Mitglieder seiner Familie wurden dabei verletzt. In der südlichen Provinz Helmand wurde ein Wahllokal angegriffen, Sicherheitskräfte erschossen nach Angaben des örtlichen Gouverneurs einen der Angreifer.

Nördlich von Kabul wurde in der Nähe eines Wahllokals eine mit Sprengstoff gefüllte Uhr gefunden. Bereits am Samstag konnten Polizei und Streitkräfte nach eigenen Angaben vier Bombenanschläge vereiteln, darunter einen auf einen großen Staudamm. Eine Zerstörung des Damms hätte mehrere tausend Menschen das Leben kosten können.

Ergebnis steht erst Anfang Oktober fest

Für die Parlamentswahl haben sich 12,4 Millionen Stimmberechtigte registrieren lassen. Um die insgesamt 249 Parlamentssitze bewerben sich etwa 2760 Kandidaten, darunter 328 Frauen. Neben der Abgeordnetenkammer der Nationalversammlung, der Wolesi Dschirga (“Haus des Volkes“), werden auch 34 Provinzräte gewählt. Die Parlamentswahl ist keine Listen-, sondern eine reine Personenwahl, alle Kandidaten eines Wahlkreises sind daher einzeln mit Namen und Foto auf den Stimmzetteln aufgeführt.

Die Auszählung der Stimmen soll am Dienstag beginnen. Ein bis zwei Tage später sollen erste Teilergebnisse veröffentlicht werden, ein vorläufiges Endergebnis wird erst Anfang Oktober erwartet.

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