Libanon
Der „Beiruter Frühling“ ist vorbei

Am 14. März 2005, einen Monat nach der Ermordung von Ex-Premier Rafik Hariri, herrschte Aufbruchstimmung im Libanon. Die Libanesen wollten ihre Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Heute verbreiten erst Morde an Syrien-Kritikern, jetzt die israelischen Raketen Angst. Die libanesische Regierung ist schwächer denn je, die Unabhängigkeit weit.

sha DÜSSELDORF. „Freiheit, Souveränität, Unabhängigkeit“ skandieren über eine Million Libanesen im Zentrum von Beirut. Es herrscht Aufbruchstimmung, die Libanesen wollen ihre Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Das war am 14. März 2005, einen Monat nach der Ermordung von Ex-Premier Rafik Hariri, der als Architekt des Wiederaufstiegs des einstigen „Paris im Nahen Osten“ gilt.

Im Juni 2005 gewinnt das syrien-kritische Bündnis um Hariris ältesten Sohn Saad zwar die Mehrheit im Parlament. Es strebt einen weltoffenen Libanon an. Die letzten 35 000 syrischen Soldaten ziehen ab. Uno-Ermittler weisen Syrien eine Verwicklung in den Hariri-Mord nach. Aber Staatspräsident Emile Lahoud und Parlamentspräsident Nabhih Berri, einst von Syrien installiert, bleiben und torpedieren die Regierungsgeschäfte des labilen Bündnisses.

Heute verlaufen die Fronten nicht mehr zwischen Christen und Moslems, wie im Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Vielmehr wenden sich jetzt Sunniten, Christen und Drusen gegen die syrische Vormacht, aber auch gegeneinander und vor allem gegen die Schiiten. Die schiitische Bevölkerungsmehrheit steht fast geschlossen hinter der Hisbollah von Hassan Nasrallah. Die Gottespartei hat es mit einem Netz sozialer Einrichtungen verstanden, sich vor allem im armen Südlibanon als einzige Führungsmacht zu etablieren. Zudem brüstet sie sich damit, Israels Truppen im Jahr 2000 vertrieben zu haben. Die Hisbollah ist als einzige Partei bewaffnet, protegiert von Iran und Syrien. 2000 Elitesoldaten der iranischen Revolutionswächter Pasdaran sollen den Kern der Miliz bilden.

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Seit 1992 sitzt die Hisbollah im Parlament, heute mit 23 der 128 Abgeordneten, und stellt erstmals zwei Minister. Zudem schließt sie geschickt Bündnisse, so im Februar mit Christenführer und General Michel Aoun, der vom Präsidentenamt träumt. Das alles hilft ihr, die von der Uno geforderte Entwaffnung ihrer Miliz zu verhindern. Auch ein runder Tisch der wichtigsten 14 Politiker Libanons schafft das nicht. Stattdessen verbreiten erst Morde an Syrien-Kritikern, jetzt die israelischen Raketen Angst. Die Regierung ist schwächer denn je, die Unabhängigkeit weit.

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