Libanon
Im Griff der Hisbollah

In den zerstörten schiitischen Stadtvierteln von Beirut hat die radikale Hisbollah-Miliz in Windeseile auf Wohltäter umgeschaltet und zückt gut gefüllte Geldbörsen. Während die Regierung auf Hilfe von außen wartet, baut die Miliz mit Petro-Dollars ihre Rolle als Staat im Staate aus.

BEIRUT. Hoda Schahab blickt von ihrem Balkon auf einen Bombenkrater von zehn Metern Durchmesser. „Dort stand ein fünfstöckiges Haus, in dem meine Eltern wohnten.“ Die Libanesin ist mit Mann und drei Kindern aus den Bergen in ihre Wohnung in Haret Hreik heimgekehrt, dem südlichen Viertel Beiruts. Ihr Haus steht noch. In der bescheidenen Drei-Zimmerwohnung fehlen aber alle Türen und Fenster, es gibt weder Wasser noch Strom. „Dennoch ein Wunder“, findet die Frau mit dem türkisfarbenen Schleier und dem bodenlangen Rock.

Etwa 500 000 Menschen lebten in ihrem Viertel, das zumeist von Schiiten bewohnt wird und wo die radikalislamische Hisbollah ihre Büros unterhielt. Israels Luftwaffe hat hier ganze Straßenzüge in Schutt und Asche gelegt, um die Raketenangriffe der Milizen auf eigenes Gebiet zu stoppen.

Mit dem Waffenstillstand hat die Hisbollah sofort auf den Wiederaufbau umgeschaltet. Generalsstabsmäßig. Zwei Männer mit gelben Westen mit der Aufschrift Hisbollah rufen durch die Öffnung, wo einst die Haustür war. Sie fragen Hoda Schahab nicht nach ihrem Namen, sondern lassen sich nur bestätigen, dass hier die Familie Schahab wohnt. Name, Besitzer oder Mieter, Größe der Wohnung – die beiden Vertreter der Schiiten-Organisation haben alle Angaben zum Haus Nummer 35 in der Straße Saed Abbas al-Mussawi im Computerausdruck: „Wir machen eine Bestandsaufnahme.“ Die Männer gehören zu den Helfern der Hisbollah, die umsetzen, was ihr Führer Hassan Nasrallah im Fernsehen verkündet hatte: Wer sein Heim verloren hat, wird entschädigt. Familie Schahab solle sich in der Grundschule von Haret Hreik melden.

Hoda und ihr Mann Bassam, der in einer Keksfabrik arbeitet, machen sich auf den Weg durch die Ruinenlandschaft. In einem Geschäft, dessen Fassade fehlt, stehen aufgereiht Ketchupflaschen und Maisöl-Flaschen im Regal. Gestohlen wird nichts. „Auch unsere Wohnung steht seit Wochen offen, aber der Fernseher ist noch immer an seinem Platz,“ erklärt der 44jährige Bassam. Plünderungen verhindert die massive Präsenz der Hisbollah-Vertreter. An den Einfahrtsstraßen zu den zerstörten Vierteln sind Metallbarrikaden errichtet. Bärtige bewaffnete Männer lassen nur hinein, wer als Bewohner identifiziert wird.

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