Libanon-Konflikt
Tödlicher Alltag und blutiges Erbe

Scheich Pierre hat ambitionierte Ziele: Er strebt nicht nur die Unabhängigkeit seines Landes an. Ihm schwebt eine Identität vor, die nichts mit den arabischen und muslimischen Nachbarn gemeinsam haben will. Was in Libanon, heterogen und von Hass erfüllt, den Streit unvermeidlich macht.

Die Gemayels machen sich zahlreiche Feinde. So wird 1982, wenige Wochen nach seiner Wahl, Bashir Gemayel ermordet, einer der beiden Söhne von Scheich Pierre. Bashirs Mord hat schlimmste Konsequenzen. Als Rache dringen christliche Milizen in palästinensische Flüchtlingslager ein, wo sie ein wüstes Massaker anrichten. Mehrere hundert Kinder, Frauen und Männer werden hingemetzelt. Die genaue Zahl wird sich wohl nie ermitteln lassen.

Die Familie lässt nicht locker. Wie selbstverständlich tritt Bashirs älterer Bruder Amin die Nachfolge im Präsidentenpalast an. Er ist in jeder Hinsicht das Gegenstück zu seinem Vorgänger. Der Liebhaber schicker Kleidung laviert zwischen allen Fronten. Zunächst willigt er in einen Friedensvertrag mit Israel ein, doch nur, um sich wenig später davon zu distanzieren. Dann legt er sich mit den Syriern an und kritisiert deren Besatzung Libanons. Damaskus setzt ihn deshalb auf die Abschussliste. Nur knapp entkommt er einem Attentat, hinter dem syrische Geheimdienstler vermutet werden. Am Flughafen von Beirut, der zu jener Zeit von syrischen Truppen kontrolliert wird, präparieren sie seinen Helikopter. Doch die Sabotage – der achte Tötungsversuch gegen Amin in wenigen Jahren – wird entdeckt. Amin setzt sich 1988 ins Exil ab. Zurück in die Heimat kommt er erst im Jahre 2000, nach dem Abzug israelischer Soldaten aus Südlibanon.

Der Name Gemayel verschwindet zwar vorübergehend aus den Schlagzeilen. Doch der Clan bleibt ehrgeizig. Diskret hilft Vater Amin Ende der 90er-Jahre seinem Sohn Pierre beim Aufbau der Politkarriere. Die Kugeln setzen ihr zwar ein jähes Ende. Doch der Nächste aus der Dynastie Gemayel steht bereit: Pierres jüngerer Bruder Samy. Er hat schon eine eigene Partei gegründet und warnt vor der radikalschiitischen Hisbollah: Sie wolle in Libanon einen islamischen Staat gründen.

Samy Gemayel gibt sich, treu der Vorgabe seiner Ahnen, kämpferisch und kompromisslos. Die Unabhängigkeit Libanons lasse sich nicht mit Poesie oder Pressemitteilungen erkämpfen, ist der knapp 30-Jährige überzeugt.

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