Libanon-Konflikt
Tödlicher Alltag und blutiges Erbe

Ein neuer Anschlag erschüttert den Libanon. Bei einem Bombenattentat auf einen Kleinbus in einer Ortschaft nordöstlich von Beirut starben am gestrigen Dienstag drei Menschen, mehr als 30 teilweise schwer verletzt. Insider vermuten einen Zusammenhang zu den Auseinandersetzungen zwischen pro- und antisyrischen Kräften. Mittendrin: der mit der Geschichte des Landes eng verbundene Gemayel-Clan.

DÜSSELDORF. Dienstagmorgen, neun Uhr in einer Ortschaft nordöstlich von Beirut: Eine Bombe in einem Kleinbus explodiert. Passanten eilen zur Hilfe. Eine zweite Bombe geht hoch. Mindestens drei Menschen werden getötet, mehr als 30 teilweise schwer verletzt.

„Das wird leider zur Routine“, kommentiert ein Anwohner den Anschlag am Dienstag. Viele Libanesen vermuten einen Zusammenhang mit dem zweiten Todestag von Ex-Premier Rafik Hariri. Die Syrer waren nach dem Mord an Hariri zum Abzug aus Libanon gezwungen, nachdem sie den Nachbarstaat jahrzehntelang beherrscht hatten. Jetzt wollen sie die für den heutigen Mittwoch geplante Gedenkfeier verhindern, heißt es in der Bevölkerung.

In den vergangenen zwei Jahren haben sich in Libanon mehr als ein Dutzend politische Morde ereignet. Die Vereinten Nationen untersuchen derzeit 14 Verbrechen, darunter an Industrieminister Pierre Gemayel und Ministerpräsident Rafik Hariri. Die Fahnder beißen allerdings auf Granit. Sie konnten bislang kein einziges Verbrechen aufklären.

Libanon kommt nicht zur Ruhe. Die von der Hisbollah angeführte Opposition hält das Zentrum der Hauptstadt seit Dezember besetzt. Ende Januar kam es zu Ausschreitungen, wobei erstmals seit langem Milizen ihre bewaffneten Mitglieder auf die Straßen schickten. Bilanz: neun Tote und mehrere hundert Verletzte.

Die Sicherheitskräfte sind kaum in der Lage, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Opposition macht aus ihrem Ziel derweil kein Geheimnis: Sie will den Sturz der Regierung des antisyrischen Fuad Siniora, dem sie vorwirft, mit dem Westen gemeinsame Sache zu machen. Stattdessen sollen prosyrische und proiranische Kräfte an die Macht kommen.

In Libanon leben zwar weniger als vier Millionen Einwohner. Doch das Land ist einer der kompliziertesten und explosivsten Staaten der Welt. Christen, Sunniten, Schiiten und Drusen haben eine blutige Tradition von gegenseitigen Kämpfen hinter sich. Regelmäßig wird Libanon in die regionalen Wirren verwickelt. Damaskus betrachtet Libanon seit jeher als Teil Syriens. Die Palästinenser nahmen in den 70er-Jahren von Libanon aus Israel unter Beschuss. Israel versuchte mit Gewalt, in Libanon ein befreundetes Regime an die Macht zu bringen. Und heute bedienen sich die iranischen Ajatollahs der schiitischen Hisbollahmilizen in Libanon, um ihre regionale Vormachtstellung zu zementieren.

Gleichzeitig ist die Politik in Libanon von jeher fest in der Hand prominenter Familien. Die wichtigsten Clans – die Frangiés, die Dschumblatts, die Hariris, die Schamoun und die Gemayels – intrigieren gegeneinander, bekämpfen und verbünden sich, zerstreiten und zerfetzen sich.

Am Dienstag richteten sich die Blicke auf die Gemayels. Da sich der Anschlag in der Nähe der Heimatstadt des syrienfeindlichen Clans ereignete, vermuten Insider einen Zusammenhang zu den Auseinandersetzungen zwischen pro- und antisyrischen Kräften in Libanon. Die Gemayels hatten noch einmal Glück. Ein Fahrer des Clans kam am Dienstag mit Verletzungen davon.

Die Gemayels wohnen seit 400 Jahren in Bikfaya, ein Ort in den libanesischen Bergen mit 20 000 christlichen Einwohnern, eine halbe Autostunde von Beirut entfernt. Viele leben hier vom Tourismus, vermieten Wohnungen, führen Restaurants, Hotels oder Souvenirläden. Besonders reich sei der Clan nicht, zumindest nicht im Vergleich zu den vermögenden Familien des Landes, sagt ein Freund. Das Gesamtvermögen wird auf ein paar Millionen geschätzt.

Die Gemayels haben im Laufe der jüngsten Geschichte das Geschick des Landes geprägt. In Libanon ist das lebensgefährlich. Sie wurden wiederholt Zielscheibe von Anschlägen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hatten sie fünf politische Morde zu beklagen. Das jüngste Opfer ist Pierre Gemayel, der aufstrebende Jungpolitiker, erschossen am 20. November 2006. Sein Onkel Bashir ist bei einer Bombenexplosion umgekommen. Zuvor war seine 18 Monate alte Tochter Maya bei einem Anschlag, der ihm gegolten hatte, getötet worden.

Der Name Gemayel steht bereits am Anfang des grausamen Bürgerkriegs, der 1975 durch einen Anschlag auf das führende Mitglied der Familie, Scheich Pierre, ausgelöst wurde. Er überlebte zwar. Doch das Attentat hatte Racheaktionen zur Folge, die zur 15-jährigen innerlibanesischen Schlacht führten. Mehr als 100 000 Tote und ebenso viele Verletzte sind die Bilanz dieser Epoche.

Scheich Pierre hat die Partei „Phalange“ gegründet. Während des Bürgerkriegs stand ihr die stärkste Miliz zur Seite, mit der die Christen die Palästinenser aus Libanon vertreiben wollten. Der Parteigründer – darüber spricht man in Libanon nicht gerne – hat sich beim Aufbau seiner Milizen an den deutschen Naziorganisationen orientiert. Er soll sich auch lobend über Hitler und Franco geäußert haben.

Scheich Pierre hat ambitionierte Ziele: Er strebt nicht nur die Unabhängigkeit seines Landes an. Ihm schwebt eine Identität vor, die nichts mit den arabischen und muslimischen Nachbarn gemeinsam haben will. Was in Libanon, heterogen und von Hass erfüllt, den Streit unvermeidlich macht.

Die Gemayels machen sich zahlreiche Feinde. So wird 1982, wenige Wochen nach seiner Wahl, Bashir Gemayel ermordet, einer der beiden Söhne von Scheich Pierre. Bashirs Mord hat schlimmste Konsequenzen. Als Rache dringen christliche Milizen in palästinensische Flüchtlingslager ein, wo sie ein wüstes Massaker anrichten. Mehrere hundert Kinder, Frauen und Männer werden hingemetzelt. Die genaue Zahl wird sich wohl nie ermitteln lassen.

Die Familie lässt nicht locker. Wie selbstverständlich tritt Bashirs älterer Bruder Amin die Nachfolge im Präsidentenpalast an. Er ist in jeder Hinsicht das Gegenstück zu seinem Vorgänger. Der Liebhaber schicker Kleidung laviert zwischen allen Fronten. Zunächst willigt er in einen Friedensvertrag mit Israel ein, doch nur, um sich wenig später davon zu distanzieren. Dann legt er sich mit den Syriern an und kritisiert deren Besatzung Libanons. Damaskus setzt ihn deshalb auf die Abschussliste. Nur knapp entkommt er einem Attentat, hinter dem syrische Geheimdienstler vermutet werden. Am Flughafen von Beirut, der zu jener Zeit von syrischen Truppen kontrolliert wird, präparieren sie seinen Helikopter. Doch die Sabotage – der achte Tötungsversuch gegen Amin in wenigen Jahren – wird entdeckt. Amin setzt sich 1988 ins Exil ab. Zurück in die Heimat kommt er erst im Jahre 2000, nach dem Abzug israelischer Soldaten aus Südlibanon.

Der Name Gemayel verschwindet zwar vorübergehend aus den Schlagzeilen. Doch der Clan bleibt ehrgeizig. Diskret hilft Vater Amin Ende der 90er-Jahre seinem Sohn Pierre beim Aufbau der Politkarriere. Die Kugeln setzen ihr zwar ein jähes Ende. Doch der Nächste aus der Dynastie Gemayel steht bereit: Pierres jüngerer Bruder Samy. Er hat schon eine eigene Partei gegründet und warnt vor der radikalschiitischen Hisbollah: Sie wolle in Libanon einen islamischen Staat gründen.

Samy Gemayel gibt sich, treu der Vorgabe seiner Ahnen, kämpferisch und kompromisslos. Die Unabhängigkeit Libanons lasse sich nicht mit Poesie oder Pressemitteilungen erkämpfen, ist der knapp 30-Jährige überzeugt.

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