Libanon
Nach der Krise ist vor der Krise

Der Libanon hat mehr Probleme als die Folgen des Kriegs mit Israel: Mehr und mehr junge, gut ausgebildete Libanesen kehren ihrem Land den Rücken. Wirtschaftliche und politische Stagnation bis hin zum Rückschritt werden von den Auswanderern als Ursache angeführt. Der Libanon steuert damit auf eine hausgemachte Krise zu.

BEIRUT. An der Wand lehnen zwei Krücken. Bewegen kann sich der junge kräftige Mann dieser Tage nur mit ihrer Hilfe. Der Fuß mit dem gebrochenen Knöchel liegt eingegipst auf einem Hocker hinter dem Schreibtisch, der das kleine Büro mit Blick auf die befahrene Durchgangsstraße beherrscht. Ein Unfall, beim Basketball. Doch bremsen kann den 24-jährigen Pierre Saliba, Besitzer einer Fahrschule in Zouq Mosbeh, einem christlichen Vorort von Beirut, dieser Unfall nicht. Außerhalb des Basketballfelds setzt er zum großen Sprung an – und bereitet seine Auswanderung nach Kanada vor.

„Selbst nach dem Krieg mit Israel im vergangenen Sommer war ich noch optimistisch“, sagt Saliba. Auf seiner Brust prangt ein silbernes Kreuz. Mit der Hand schiebt er eine Computermaus in Form eines roten Porsche über den Tisch. „Der beste Beweis: Erst im November habe ich diese Fahrschule eröffnet, zwei Fahrlehrer eingestellt und sechs Autos gekauft.“ Auch Saliba war nach dem Mord an Ex-Premier Rafik Hariri auf die Straße gegangen, hatte gehofft, das verkrustete, konfessionell geprägte politische System des Libanons aufzubrechen. Doch die Hoffnung des jungen Unternehmers wurde enttäuscht.

Als im Dezember die islamistische Hisbollah samt Verbündeten die Belagerung des Regierungssitzes begann, später Streiks und Straßensperren zu Gewalt in den Straßen führten, war ihm klar: Politisch und wirtschaftlich wird sich auf absehbare Zeit nichts bewegen im Libanon. Die nächste Krise könnte schon bald drohen. Ende September steht die Präsidentschaftswahl an. Saliba hat resigniert: „Eine berufliche Zukunft habe ich hier nicht.“

Probiert hat er es. Nach seinem Abschluss in Finanz- und Wirtschaftsstudien an der libanesisch-kanadischen Universität in Aintoura hatte Saliba zunächst in der Verwaltung des Luxushotels „Royal“ gearbeitet: für 300 Dollar monatlich. „Davon kann ich gerade das Benzin und meine Telefonrechnung bezahlen“, sagt Saliba. Also entschloss er sich, mit Hilfe seines Vaters, der bereits eine Fahrschule besitzt, sein eigenes Unternehmen zu gründen.

Die Tür geht auf, und ein Kunde tritt ein. Er verabredet die ersten Fahrstunden für seine Tochter, die schweigend dabeisteht. Der Laden läuft also? Saliba zieht ein Blatt hervor und malt auf, wie ein Geschäft in Beirut läuft: eine steile Zickzacklinie, die immer wieder abstürzt und sich nie wirklich weiter nach oben entwickelt. „Glauben Sie, dieser Vater lässt seine Tochter auf Beiruts Straßen herumfahren, wenn morgen Panzer in der Innenstadt auffahren oder eine Autobombe hochgeht?“ Saliba zählt die Namen von sechs Freunden auf, die im Februar einen Job in den Golfstaaten angenommen haben: „Sie können hier in jede beliebige Familie gehen und finden mindestens eine Person, die auswandern will.“

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