Licht und Schatten nach zehn Jahren Freihandel
Die Nafta hilft Mexiko weniger als erhofft

Als Carlos Salinas Ende 1992 seine Unterschrift unter den Vertrag über die Nordamerikanische Freihandelszone Nafta setzte, wähnte der damalige mexikanische Präsident sein Land damit auf dem Weg zu Wohlstand und nachhaltigem Wachstum. Aber die Realität sieht anders aus.

MEXIKO-STADT.Das Abkommen, das die Zölle auf Waren und Dienstleistungen zwischen Mexiko, den USA und Kanada schrittweise abbaut, werde Mexiko den Weg vom Entwicklungsland zum Industriestaat ebnen, Arbeitsplätze schaffen und die Armut reduzieren. Aber die Realität sieht zehn Jahre nach In-Kraft-Treten des Abkommens am 1. Januar 1994 anders aus. Zwar hat sich Mexiko unter der Nafta zu einer erfolgreichen Exportnation gewandelt, aber der versprochene breite Wohlstand bleibt aus. Heute lebt fast die Hälfte der 100 Millionen Mexikaner in Armut.

Mexiko habe es in den zehn Jahren nicht geschafft, den Status der verlängerten Werkbank für die USA zu überwinden, betonen Kritiker. „Das Abkommen hat seine beiden wichtigsten Versprechen, Arbeitsplätze und Wachstum zu schaffen, nicht gehalten“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Alejandro Nadal von der Hochschule Colegio de México. Netto seien in den zehn Jahren 750 000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Auch das Wirtschaftswachstum bleibe seit Gründung der Nafta mit durchschnittlich etwa 1,6 % pro Jahr deutlich hinter den Erwartungen zurück.

„Nafta hat uns mehr Handel und Entwicklung gebracht“, ist dagegen der bürgerliche Präsident Vicente Fox überzeugt. Auch die Weltbank zieht ein positives Fazit: Die Nafta habe Mexiko „bedeutende wirtschaftliche und soziale Vorteile“ gebracht, urteilt sie in einem Bericht. Ohne das Abkommen hätte sich das lateinamerikanische Land nicht so rasch von der Finanzkrise Mitte der 90er Jahre erholt. Außerdem wäre die Einkommensschere zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten größer als sie ist.

Profitiert haben in erster Linie exportorientierte Unternehmen. US- Firmen, aber auch deutsche Konzerne wie Bayer, Siemens und BASF haben ihre Präsenz in Mexiko verstärkt, um von niedrigen Kosten und dem günstigen Zugang zum US- Markt zu profitieren. „Wir haben uns schon sehr früh in Produktion und Organisation auf den Nafta- Markt ausgerichtet“, sagt der Chef von BASF-Mexiko, Nicolás José Ivandic. Auch für Volkswagen de México, das zwei Drittel seiner Autos in die USA verkauft, ist die Existenz des Abkommens „ein eindeutiger Standortvorteil“. Der Mittelstand hat ebenfalls den Weg nach Zentralamerika gefunden: Niedrige Löhne von umgerechnet 600 Euro monatlich und die Nähe zum US-Markt haben etwa die Dichtungswerke Burgmann aus Wolfratshausen bewogen, sich vor eineinhalb Jahren in Querétaro, 200 Kilometer nordwestlich von Mexiko-Stadt, niederzulassen.

Das Volumen der mexikanischen Ausfuhren kletterte von 51,8 Mrd. Dollar im Jahr 1993 auf 166,4 Mrd. Dollar im bisherigen Rekordjahr 2000. Das Land exportierte damit mehr als alle anderen Staaten des Subkontinents zusammen und ist nach Angaben des Wirtschaftsministeriums inzwischen die siebtgrößte Exportnation. Die Hälfte der Ausfuhren geht allein auf die Lohnveredelungungsindustrie („Maquila“) zurück: Aus importierten Vorprodukten werden hier vor allem Textilien und Elektrogeräte gefertigt. Vergangenes Jahr sanken die Exporte allerdings auf 160,7 Mrd. Dollar.

Mexiko habe es versäumt, seine Industrie seit dem Nafta-Beitritt technologisch wettbewerbsfähig zu halten, und stattdessen vor allem auf niedrige Löhne als Standortvorteil gesetzt, kritisiert der Investmentberater Rogelio Ramírez de la O. „Wenn aber in China weniger gezahlt wird, ziehen wie jetzt Hunderte Lohnveredelungsbetriebe in das asiatische Land“, ergänzt der Ökonom Clemente Ruiz Durán von der Nationalen Universität UNAM.

„Der große Verlierer des Freihandelsabkommens sind aber die Bauern“, sagt Nafta-Kritiker Nadal. Die mexikanischen Landwirte können mit den hoch subventionierten Produkten, die zollfrei oder zollerleichtert ins Land kommen, nicht konkurrieren. So fiel zum Beispiel der Preis für Mais vor allem wegen der Konkurrenz durch importiertes Billiggetreide seit 1994 um 70 %. Wie wichtig das Thema für Mexiko ist, belegt ein Blick auf die nackten Zahlen: In dem lateinamerikanischen Land sind rund 25 Mill. Menschen – ein Viertel der Bevölkerung – von der Landwirtschaft abhängig.

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