Liquidatoren
Die Helden von Tschernobyl

Kurz nachdem dem Unglück in Tschernobyl mussten die sogenannten Liquidatoren als Einsatzkräfte in die verstrahlte Sperrzone. Viele der zeitweise 800 000 Aufräumarbeiter sind gestorben – häufig an den Folgen der radioaktiven Strahlung. Und die noch leben, sind häufig krank.

HB GOMEL/KIEW Auf dem zentralen Platz der weißrussischen Ortschaft Bragin südlich von Gomel steht ein Denkmal für einen Feuerwehrmann: Wassilij Iwanowitsch Ignatenko, so ist der Aufschrift zu entnehmen, lebte vom 13. März 1961 bis zum 13. Mai 1986. Er war der erste weißrussische Feuerwehrmann, der sterben musste, weil er bei den Löscharbeiten im havarierten Atomkraftwerk Tschernobyl einer zu hohen Strahlendosis ausgesetzt war.

Schrifttafeln erinnern an die zwölf weißrussischen Ortschaften, die damals für immer geräumt wurden. Ignatenko war einer der so genannten Liquidatoren, wie die Aufräumarbeiter genannt werden, die nach der Katastrophe im ukrainisch-weißrussischen Grenzgebiet im Einsatz waren. Ihre Aufgabe war es, die Anwohner zu evakuieren, Plünderer von deren Häusern fern zu halten und auf dem Kraftwerksgelände die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen auszuführen. Sie halfen beim Bau des Sarkophags aus Stahlbeton um den zerstörten Reaktor Nummer vier sowie beim Abtransport von verstrahltem Gerät zu zentralen Sammellagern. Viele von ihnen waren Soldaten in der Roten Armee der ehemaligen Sowjetunion. Die Liquidatoren, von denen gut 30 schon in den ersten Wochen umkamen, werden noch heute als die „Helden von Tschernobyl“ gefeiert.

„In der Nacht zum 26. April 1986 habe ich auf einmal einen riesigen Knall aus der Richtung des Kraftwerks gehört, und da bin ich trotz meines Urlaubs sofort an meinen Arbeitsplatz geeilt“, erinnert sich der einstige Ingenieur und Schichtleiter Viktor Karlow, der damals in der drei Kilometer vom Werk entfernten Arbeiterwohnstadt Prybjat lebte. In den folgenden Wochen half er, den nuklear verseuchten Boden umzupflügen, Ausrüstungsgegenstände zu desinfizieren und das vorerst deaktivierte Kraftwerk für den weiteren Betrieb in Stand zu setzen. Als Kommandant seines Kollektivs war er für Ruhe und Ordnung in Tschernobyl zuständig.

Die extrem hohe Strahlenbelastung, der Karlow seinerzeit ausgesetzt war, sowie der ungeheure Stress seines Einsatzes sind nicht spurlos an dem heute 66-Jährigen vorübergegangen. Schon bald hatte er schwere Magengeschwüre, nach fünf Operationen wurde ihm der Magen entfernt. Später erlitt er einen Herzinfarkt, Durchblutungsstörungen beeinträchtigten schließlich auch die Gehirnfunktionen. Karlow wird heute in der neurologischen Abteilung des Kiewer Forschungszentrums für Strahlenmedizin behandelt, das im Oktober 1986 eigens für die Tschernobyl-Opfer errichtet wurde.

Bis zu 800 000 Liquidatoren haben zeitweise in der verstrahlten Zone gearbeitet, etwa 200 000 längerfristig. Letztere haben in der Ukraine und in Weißrussland einen Sonderstatus, der sie zu Routineuntersuchungen in den renommiertesten Kliniken berechtigt. Dabei wurde festgestellt, dass die Liquidatoren stärker an körperlichen und psychischen Beschwerden leiden als der Rest der Bevölkerung und auch häufiger Selbstmord begehen.

Opfersyndrom als Krankheitsauslöser

Oft sind sie – wie alle Tschernobyl-Opfer – von Schilddrüsenkrebs betroffen und ebenso von Leukämie und Lungenkrebs. Hinzu kommen schwere Erkrankungen ohne bösartige Tumoren, wie das Beispiel von Karlow zeigt. Auch der 59-jährige Adam Salkow aus Minsk, der damals einer Fahrzeugkolonne für die Evakuierungen vorstand, leidet an Herzproblemen. Er lässt sich im Forschungszentrum für Strahlenmedizin in Gomel behandeln, der weißrussischen Vorzeigeklinik für die Geschädigten der Tschernobyl-Katastrophe. An die Zeit nach der Havarie erinnert sich Salkow noch wie gestern. „Es war wie im Krieg“, sagt er. Er sei sich der Gefahren seines Einsatzes durchaus bewusst gewesen. Aber der Befehl zur Rettung von Menschen habe selbstverständlich Vorrang gehabt.

Dem stimmt auch Jakob Ljudowitsch zu, der seinerzeit als Polizist in der evakuierten Zone für Sicherheit sorgte. Der 64-Jährige verspürt keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen infolge der damaligen Strahlenbelastung, lässt sich aber regelmäßig in der Spezialklinik in Gomel untersuchen. Karlow sieht in der Einsatzbereitschaft der Rettungsbrigaden auch eine politische Dimension. Man habe der Welt seinerzeit beweisen müssen, dass die Sowjetunion mit einer Katastrophe dieses Ausmaßes fertig werden könne. Dies sei dank organisatorischer Disziplin auch voll gelungen, ist der 66-Jährige überzeugt. Dass das Atomkraftwerk am 15. Dezember 2000 für immer geschlossen wurde, hält Karlow für einen schweren Fehler. Seiner Meinung nach hätte dort noch lange auf sichere Weise Strom erzeugt werden können.

Konstantin Loganowskij, Chefarzt für Psychoneurologie am Kiewer Zentrum für Strahlenmedizin, sieht Karlow als Beispiel dafür, wie man das Trauma von Tschernobyl überwinden kann. Viele andere Betroffene litten dagegen unter einem typischen Opfersyndrom. „Sie hadern mit sich und der Welt, warum ausgerechnet ihnen so etwas passieren musste“, erklärt Loganowskij. Auch dies führe häufig zu psychischen Erkrankungen der Liquidatoren und anderer Tschernobyl-Opfer.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%