Lissabon-Vertrag
Mit Gottes Hilfe: Irland sagt Ja

Bis zuletzt hatte Irlands Polit-Establishment gezittert, jetzt bricht sich die Erleichterung Bahn: "Das ist ein großer Sieg - für Irland und für Europa", sagt Regierungschef Brian Cowen. Mit Zwei-Drittel-Mehrheit räumen die Iren die letzte große Hürde für den Lissabon-Vertrag ab - und reichen den Schwarzen Peter an die Tschechen weiter, die die Reform der EU weiter verzögern können.
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DUBLIN. "Sie haben mein Ja gekriegt, ich bin doch nicht lebensmüde. Aber jetzt reicht's - wir müssen uns endlich um unsere eigenen Probleme kümmern und diesen Saustall von Regierung ausmisten", schimpft John Collins. Der Zeitungsverkäufer auf Dublins Cabra Road spiegelt den Stimmungswandel der irischen Nation zwischen dem ersten Referendum über den Lissabon-Vertrag vor 15 Monaten und der Wiederholung am vergangenen Freitag wider. Im Angesicht einer massiven Wirtschaftskrise gingen die Iren dieses Mal auf Nummer sicher und riskierten keinen weiteren Ärger mit der EU. Gerne hätten viele von ihnen aus Protest gegen die Regierung von Brian Cowen noch einmal mit Nein gestimmt - aber der Preis wäre zu hoch gewesen.

Daher ist auf Dublins Straßen von Überschwang wenig zu spüren. Auf Fragen nach Lissabon reagieren Passanten genervt. Doch davon will das politische Establishment, das nahezu geschlossen für den EU-Reformvertrag gekämpft hatte, nichts wissen. Schon zwei Stunden nach Beginn der Auszählung Samstag früh hielten sich die Ja-Befürworter nicht mehr zurück. Als erster triumphiert Außenminister Micheal Martin: "Alles sieht nach einem Ja aus - und das ist eine großartige Nachricht für Irland." Am frühen Nachmittag wird deutlich, wie groß und wie konsistent der Stimmungsumschwung tatsächlich ist. Nur zwei der 43 Bezirke stimmten mit Nein. Schließlich das Endergebnis: Landesweit stimmten 67,1 Prozent für den Lissabon-Vertrag. Auf das Nein-Lager nur noch entfielen 32,9 Prozent - fast 21 Prozentpunkte als im Juni 2008. Die Wahlbeteiligung kletterte um fünf Prozentpunkte auf nun 58 Prozent.

Allen Grund für Regierungschef Brian Cowen zu jubeln, aber der stämmige Mann bleibt am Boden. Das irische Volk habe laut und entschieden zum Ausdruck gebracht, dass es im Herze Europas bleiben will", sagte der Taoiseach auf den Stufen seines Amtssitzes betont nüchtern. "Wir haben das richtige für unsere Zukunft und die Zukunft unsere Kinder getan."

Das Ergebnis ist so deutlich, dass auch die aktivsten Lissabon-Gegner ihre Niederlage früh einräumten "Das ist ein überzeugender Sieg der Ja-Sager", gibt der Millionär und treibende Kraft der europakritischen Partei Libertas, Declan Ganley, zu Protokoll. Premier Cowen habe eine "hervorragende Kampagne gefahren, die fast die komplette Opposition zu Vasallen machte". Ganley wirft der Regierung vor, mit den Ängsten der Wähler, vor allem der Angst vor Arbeitslosigkeit" gespielt zu haben. "Nächsten Oktober sind wir zurück und werden all diejenigen zur Rede stellen, die im Gegenzug für das "Ja" Arbeitsplätze versprochen haben", droht Ganley.

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