Literatur
Adrenalinstöße am Hindukusch

Auch wenn Verteidigungsminister Franz-Josef Jung es anders sehen mag: Es ist Krieg in Afghanistan. Das schreiben übereinstimmend drei Autoren, die sich intensiv mit dem Bundeswehreinsatz am Hindukusch beschäftigt haben. Ihre Bücher helfen allein durch ihre Fülle an Informationen bei der eigenen Positionsbestimmung in einer mit Tabus belegten Diskussion.

DÜSSELDORF. Das Wort "Krieg" kommt dem Verteidigungsminister nicht über die Lippen. Wenn er über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan redet, spricht Franz Josef Jung wie vor kurzem im Handelsblatt-Interview von "Stabilisierungseinsatz". Nach dem Konzept der vernetzten Sicherheit gehe es um die Verbindung von militärischer Sicherheit und zivilem Aufbau, erklären Jung wie auch andere Politiker immer wieder. Das Wort Krieg in Verbindung mit Bundeswehr ist nicht opportun.

Doch seit 2002 wird der ursprünglich nur für sechs Monate geplante Einsatz in Afghanistan regelmäßig verlängert. Rund 4 000 deutsche Soldaten sind am Hindukusch im Einsatz, in Kabul und seit 2006 verstärkt im Norden, in Kundus, Masar-i-Scharif und Faizabad. Und deutsche Soldaten geraten wie die Isaf-Truppen anderer Nationen immer häufiger in gefährliche Situationen. Als Ende April Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Kabul war, um Präsident Hamid Karzai zu treffen, meldete die Bundeswehr zwei schwere Anschläge in Kundus. Ein Soldat starb bei einem Hinterhalt der Taliban durch eine Panzerfaust, ein paar Kilometer weiter raste ein Selbstmord-Attentäter mit seinem Auto auf eine deutsche Patrouille in einem Panzerfahrzeug. Die Bilanz: fünf verletzte Soldaten.

Es ist ein Krieg in Afghanistan, schreiben übereinstimmend drei Autoren, die sich intensiv mit dem Bundeswehreinsatz in dem Land beschäftigt haben. Ihre Bücher, wenn auch von unterschiedlicher Qualität und aus unterschiedlicher Perspektive, helfen allein durch ihre Fülle an Informationen bei der eigenen Positionsbestimmung in einer mit Tabus belegten Diskussion. Die Wahrnehmung der Deutschen ist gespalten, zeigen Meinungsumfragen: Grundsätzlich werden Bundeswehreinsätze positiv bewertet, gegen eine kämpfende Truppe gibt es aber große Vorbehalte.

Eine seriöse Debatte darüber, was die Bundeswehr "soll, darf und kann", findet einfach nicht statt, konstatiert Eric Chauvistré in seinem Essay über Auslandseinsätze der Bundeswehr. Der Titel "Wir Gutkrieger", wohl in Anlehnung an die zeitgeistigen Gutmenschen gewählt, wirkt zwar aufgesetzt, die apodiktische Unterzeile "Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern wird" reißerisch, doch die Lektüre lohnt. Der Journalist und Experte für Konfliktforschung beleuchtet sehr ausgewogen und gut recherchiert die Genese der Auslandseinsätze. Er lotet die Befindlichkeit von Politik und Öffentlichkeit aus, lässt die Debatte über die juristischen Grundlagen und die moralischen Aspekte bewusst aus und kommt immer wieder zu seinem Kritikpunkt: die realen militärischen Möglichkeiten der Bundeswehr stehen in keinem Verhältnis zu den politischen Planspielen - vor allem, da der Umbau der Bundeswehr zur weltweiten Interventionsarmee gewollt und in vollem Gang ist.

 

Der Fallschirmjäger Achim Wohlgethan reflektiert nicht, er beschreibt, und das mit großem Erfolg. Sein Insiderbericht "Endstation Kabul" verkaufte sich über 50 000-mal, so Jürgen Diessel vom Econ-Verlag, im Juli erscheint die Taschenbuchausgabe und im September Band zwei, "Operation Kundus". Sprachlich kann man sich an vielen Fachausdrücken und vielleicht ein wenig zu viel Kameradschaftslyrik stoßen, doch der besondere Reiz des Buches liegt in der ungefilterten Schilderung des Militäralltags in Afghanistan. Wohlgethan, mittlerweile nicht mehr bei der Bundeswehr, führt die Gefahr bei jeder Ausfahrt aus dem Militärcamp plastisch vor Augen, schreibt über Adrenalinstöße, wenn sich verdächtige Gestalten mit undefinierbaren Päckchen und Schnüren in der Hand den Soldaten nähern - es könnten Selbstmordattentäter sein.

In Afghanistan sind nicht nur Bundeswehrsoldaten unterwegs, sondern auch immer mehr deutsche "Contractors". Das Phänomen der deutschen Söldner, die bei Blackwater oder anderen Firmen in Afghanistan oder im Irak arbeiten, hat Franz Hutsch erstmals recherchiert und spannend beschrieben. Eine schwierige Aufgabe, da deutsche Söldner nicht registriert sind und die Branche sich nicht in die Karten schauen lässt. Die Söldner arbeiten für viel Geld, rund 650 Dollar pro Tag, und es sollen weltweit zirka 4 000 sein. Angeworben werden gezielt Soldaten, die aus der Bundeswehr ausgeschieden sind. Sie heuern bei privaten Sicherheitsfirmen an. Wie "Uli aus Rheinland-Pfalz", den Hutsch porträtiert. Der ehemaliger Fallschirmjäger, der seine Identitätnatürlich nicht preisgibt, arbeitet mit vier Kollegen aus England, Polen, Kroatien und Frankreich auf eigene Rechnung. Sechs Monate pro Jahr verdienen sie Geld bei einer privaten US-Firma im Irak, den Rest der Zeit sind sie im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet und jagen Osama bin Laden. Sie wollen das Kopfgeld haben und sich teilen: 50 Mio. Dollar.

Hutsch schildert auch die Kehrseite: Er hat mit einer jungen Witwe in Bremen gesprochen, deren Mann als Söldner in Bagdad gestorben ist. Vom vielen Geld blieb nichts, der Arbeitgeber mit Adresse auf den Cayman-Inseln meldete sich nicht mehr, heute lebt sie von Hartz IV.

Im August wird in Kabul ein neuer Präsident gewählt, die USA stocken ihr Truppenkontingent auf, die Taliban ändern ihre Strategie - der Kriegsschauplatz Afghanistan bleibt gefährlich.

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