Literatur David Graeber - der anarchistische Professor

Er ist Wissenschaftler und Aktivist - und erobert mit zwei Bücher derzeit den deutschen Markt. Doch allem Triumph zum Trotz - die beiden Werke von David Graeber, „Schulden“ und „Inside Occupy“, bieten nicht viel Neues.
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David Graeber gibt in seinem Buch einen Einblick in das Innenleben der Occupy-Bewegung. Quelle: AFP

David Graeber gibt in seinem Buch einen Einblick in das Innenleben der Occupy-Bewegung.

(Foto: AFP)

KölnSieht so ein bekennender Anarchist aus? Jeans, Pullover, etwas wuschelige Haare, schmale Augen mit einer unergründlichen Farbe zwischen Braun und Grau, immer bereit zu lachen, und eine helle Stimme: David Graeber hat sich, obwohl mehr als 50 Jahre alt, seinen jungenhaften Charme erhalten, und wer sich mit ihm unterhält, spürt sofort, dass ihm da ein Mann mit sehr schnell und präzise arbeitendem Kopf gegenüber sitzt. Der Vordenker der weltweit aktiven Occupy-Bewegung wirkt ganz so wie das, was er im Hauptberuf auch ist: ein progressiver, bei Studenten beliebter Professor in einem faszinierenden, aber exotischen Fach: der Anthropologie; früher lehrte er in Yale, heute in London.

Die Feuilletons der Republik können sich gar nicht sattschreiben über den sympathischen Amerikaner, der vor kurzem seine deutschen Gesinnungsfreunde bei ihrer Aktion „Bloccuppy Frankfurt“ besuchte. Und sein Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ schaffte es auf Anhieb auf die Bestsellerliste des „Spiegels“. Manche Leser werden sich vielleicht wundern, dass der Anthropologe ihnen darin vor allem sehr detailreiche und scharfsinnige Ausführungen zur wirtschaftlichen Lage in Mesopotamien, in der klassischen Antike und im frühen Mittelalter liefert, dagegen aber nur wenig Denkanstöße zur heutigen Situation.

„Inside Occupy“ von David Graeber ist im Campus Verlag erschienen. Quelle: Pressefoto

„Inside Occupy“ von David Graeber ist im Campus Verlag erschienen.

(Foto: Pressefoto)

Wer es aktueller mag, kann auf „Inside Occupy“ zurückgreifen, ein nach Graebers eigener Aussage in zwei Monaten zusammengeschriebenes Buch über das Innenleben der Protestbewegung. Der Verlag liefert dazu noch einen „Revolutions-Guide“, der zum Beispiel verrät, wie man auf einer anarchistischen Großveranstaltung auch ohne Mikrofon per Handzeichen seine Meinung äußern kann (geballte Faust heißt „Ablehnung“); das Heftchen zieht die Sache ungewollt ins Lächerliche.

Wer Graebers Bücher liest oder sich mit ihm unterhält, stellt sich unweigerlich immer wieder die Frage: Was will dieser Mann eigentlich? Die Antwort ist kompliziert, man kann sie nur in drei Teilen geben. Erstens: Graeber hat eine Theorie über die Wirtschaftsgeschichte - dazu gehört vor allem, dass es Schulden schon länger als Geld und sogar Tauschhandel gibt. Zweitens ist er fest überzeugt, dass der Kapitalismus nicht überleben wird - allein schon deswegen, weil er auf Wachstum angelegt ist und die Erde unbegrenztes Wachstum nicht aushält. Und drittens ist er ein pazifistischer Anarchist: Er glaubt tatsächlich, dass man die Gesellschaft ohne den Staat organisieren kann, wenn die Menschen nur gelernt haben, immer wieder in offenen Diskussionen einen Konsens zu finden.

Was ist davon zu halten? Nun, seine Theorie zur Geschichte der Schulden ist interessant, aber auch sehr speziell. Seine Untergangs-Prophezeiung ist alles andere als originell - von Karl Marx bis heute wurde der Kapitalismus immer wieder erfolglos totgesagt. Und seine lieblich-anarchistischen Vorstellungen sind so weit weg von jeder Realität, dass man sich fragt, warum er damit so viel Erfolg hat - dieselbe Frage kann man an die gesamte „Occupy“-Bewegung stellen, bei der ja auch noch niemand klare Ziele entdeckt hat.

Wissenschaftler und anarchistischer Aktivist
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9 Kommentare zu "Literatur: David Graeber - der anarchistische Professor"

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  • Ihr Aufsatz in Ehren, aber es kann nicht richtig sein, dass sich auf Kosten der Allgemeinheit einige Wenige die Taschen vollstopfen, egal wie Sie das nennen. Lohndumping, keine Mindestlöhne, Leiharbeit zu Niedrigstlöhnen, Niedriglohnsektor, der immer weiter ausgebaut wird u.s.w. sind einige Beispiele für den überbordenen Kapitalismus. Dazu kommt, dass die Manager sich überproportional hohe Gehälter genehmigen und die Großindustrie Steuerzahlungen meidet. Das Ganze wird durch die Politik begünstigt , die offensichtlich von den Wirtschaftsmagnaten und der Finanzwelt gesteuert wird. Das hat nichts mehr mit sozialer Marktwirtschaft zu tun. Das ist reiner Raubtierkapitalismus und nicht für das Gemeinwohl geeignet.
    Die globalisierte Wirtschaft selbst bereichert sich, während den Arbeitnehmern zunehmend Unterjochung droht, sie weiter veramen und entrechtet werden.
    Dazu kommt, dass bei wirtschaftlichen und finanzpolitischen Fehlern immer der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird, während die Verursacher davon kommen.

  • Letztlich läuft die ganze Argumentation von Graebner darauf hinaus, "Schuldner" (als die Armen, Unterdrückten und Guten) gegen "Gläubiger" (als die Reichen, Unterdrücker und Bösen) zur kollektiven Rückzahlungsverweigerung aufzurufen. Leider ist diese Variante des "Klassenkampfes" weit unter dem analytischen Niveau von Marx und selbst Rousseau. Nach Graebners Logik müsste man heute nur möglichst viele "Sachwerte" (Immobilien, Firmen, Kunst etc.) auf Kredit erwerben und auf die baldige kollektive Entschuldung warten, um so richtig abzuzocken. Da werden sich aber die "kleinen Leute" mit ihren Sparanlagen, Lebensversicherungen, Pensionskassen usw. sicher freuen, wenn ihr Geld und ihre Lebensplanung qua Entschuldung leider auch futsch sind! Kurz: Graebners Verkürzung der ökonomischen Analyse auf den Teilaspekt der Schulden ist weder inhaltlich noch politisch oder moralisch hilfreich.

  • Paul C. Martin hat die Zusammenhänge vor mehr als 20 Jahren besser und prägnanter dargestellt. Man lese das Buch : Aufwärts ohne Ende, erschienen 1988, ist leider in Vergessenheit geraten.
    Graeber quält sich als Anthropologe durch 4950 Jahre , für die vergangenen 50 Jahre bleibt dann nicht mehr viel.
    Ob es dafür 500 Seiten braucht ist die Frage.

  • Besonders logisch oder nachvollziehbar kommt der Mann nicht daher.
    Das ist leider die Crux bei sovielen "Linken" sie lassen sich zu sehr von ihren Utopien leiten und schließen von der Einfacheit einzelner Vorgänge darauf, das auch die Summe einfach sein müsse.

    Ich halte 95% der Antikapitalisten für beschränkt, weil sie sich an erkannten Mängeln in der kapitalistischen Wirklichkeit hochziehen, um grundlegende anhtropologische Mechanismen, die der Kapitalismus relativ gut bedient, zu ignorieren, statt diese zu kontrollieren.
    Meiner Neinung nach sind die aktuellen Verwerfungen weniger Folgen des Kapitalismusses an sich, als eben Folgen eben jener Naivität, die für ihre durchaus positiven Wünsche und Ziele eine Politik betrieben haben, die eben jene anthropologischen Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens ignoriert haben.
    Das hat die Akteure zu Gefangenen der falschen Triebe degeneriert und genau das ist immer das Problem in allen Gesellschaftsformen gewesen, wenn sie diese eben nicht kontrollieren.
    Die soziale Marktwirtschaft der Vergangenheit hat bewiesen, dass diese Kontrolle möglich ist, aber dafür gewisse Härten in Kauf genommen werden müssen.
    Das eben weil Kollektive nur bedingt und mittelbar den Einzelnen schützen können. Der Versuch wirklich den einzelnen unmittelbar zu schützen, hat die soziale Marktwirtschaft ruiniert. Das ist unangenehm, schwer aushaltbar aber logisch. Die Summe der Einzelinteressen ist eben niemals gleichzusetzen mit dem Gesamtinterresse, wohl aber kann das Gesamtinteresse mittelbar letztlich im Einzelinterresse aller sein.
    Wer aber das Einzelrisiko eleminieren will, der schafft nur eben die Zustände die uns heute so massiv bedrohen, das ist unvermeidlich, weil sie lediglich den kleinsten gemeinsamen nenner erlauben. Denn letztlich wird der immer größere Aufwand dafür zu einer Politik führen, die Gier über das gesunde Mass hinaus befördern muss, um die Sicherheit finanzierbar zu halten.

    H.

  • gespräch mit einer nutte 26 jahre aus bulgarien.
    er: wieviel verdienst du im monat?
    sie: 4000 Euro
    er: dass ist viel geld!
    sie: ja sie weiß, aber sie will es nur noch 2 jahre machen
    er: macht es dir nichts aus, du als hübsche frau mit sovielen männern sex zu haben, sex für geld?
    sie: am anfang schon, aber jetzt nicht mehr.
    er: hast du kinder
    sie: ja einen sohn und bin geschieden und will auch keinen mann, momentan nicht
    er: kannst du nichts anderes machen? du bist so hübsch und läasst jeden über dich rüberrutschen.
    sie: früher habe ich 250 euro im monat verdient, heute sind es 4000 euro.
    er: was verdient ein professor in bulgarien?
    sie: gins, ca. 800 euro
    er: du bist eine kapitalistin

    fazit:
    wieviel verdienen die normalen bürger in deutschland im schnitt? 2000 euro? was ist mit den hartz iv menschen, sind sie denn nichts wert, müssen sie sich erst verkaufen um geld "geld" zu verdienen. haben wir oder die politik dieses system geschaffen? wollen wir wirklich so in zukunft leben? menschen müssen sich verkaufen oder kriminell werden wie ein drogendealer oder waffenhändler um sich etwas aufbauen zu können, oder ewig als sklave der wirtschaft dass dasein fristen zu müssen. bankster streichen ein und kriminelle, oder die sich verkaufen. hat ein satan im mensch dieses system etabliert? kann man es so weiterlaufen lassen oder gerät langsam alles außer kontrolle und was kommt dann?
    wundert euch nicht, wenn es nix mehr zu retten gibt außer euer leben!

  • Ich denke, dass der Mann ein Spinner ist, genauso wie unsere Piraten oder die grünen Linken.
    Wenn kein Mensch seine Schulden zurückzahlt, gibt es niemanden, der Geld verleiht.
    Wenn man kein Geld leihen kann, muß man halt sparen für eine Investition.
    Insofern wären seine Thesen sinnvoll.
    Ich sehe aber nicht, dass er das meint. Als Anarchist vergreift er sich am Geld der Reichen.
    Dafür kann er in den Knast kommen.
    Ich sehe da kein Konzept, nur dumme Anarchie.

  • Dieser Mann hat kein politisches Konzept, genau wie "Occupy". Wer die Machtfrage nicht machtvoll mit dem nötigen Nachdruck so stellt, daß die (potentiellen und realen) Machtmißbraucher in permanente Existenzängste versetzt werden, bleibt ein wirkungsloser Schwätzer, der sich an den eigenen Utopien aufhält, wie dieser Graeber. Wer die Grundlagen politischen Denkens und Handelns weder gelernt, noch verstanden hat, fällt natürlich auf solche "Gutmenschen der besonderen Art" herein. Die "99%" verfügen über keine politische Denkfähigkeit, weder in den USA, noch in der BRD, sie ist ihnen bewußt bildungs- und erkenntnismäßig vorenthalten worden. Klopft man Graebers Schriften und Denkweis ab, so wird man nichts zu tatsächlich nötigen und unumgänglichen Grundlagen des gesellschaftlichen Seins finden: Zur Frage der Ausgestaltung von Rechten, Rechtsfindung, Verfaßtsein und rechtlichem Schutz des einzelnen vor anderen und der Mehrheit oder von Minderheiten der Beteiligten von den Exzessen einzelner oder Gruppen. Dies durch Diskussionen klären und aushandeln zu wollen in der Welt, wie sie heute ist, beschreibt die Hirnverbranntheit all derer, die solchen Phantasien nachhängen. Es genügt eben nicht die Lebensspanne einer Generation, um dauerhaft praktikabele Normen, Instrumente und die dazu nötigen interaktiven Strukturen für ein einigermaßen sicheres und sozial ertägliches Leben von Milliarden von Menschen neu auszuhandeln. Die Verwirrung bleibt und das ist von denen, die über "Occupy" manipulieren, auch so gewollt!

  • Bin gar nicht Ihrer Meinung. Wiebe hat sich sogar noch zurückgehalten im Gegensatz etwa zur FAZ, Wirtschaftsteil. Deren Feuilleton-Chef, Frank Schirrmacher, dagegen fand das Buch ganz großartig, wie viele andere Feuilletonisten auch, worauf Wiebe suffisant hinweist. Interessant, dass diese Journaille-Spezies einen Anarchisten "hochschreibt", der den Kapitalismus am Ende sieht. Nur, was kommt dann ?

  • Sehr geehrter Herr Wiebe,

    das ist schon reichlich niveauloser Journalismus. Offensichtlicher geht's kaum, wenn man jemand "runterschreiben" und ins Lächerliche ziehen will. Wie wäre es mal mit einer ernsthaften Auseindersetzung mit den Sachthemen?
    Gruß
    Olaf Wippermann
    Steuerberater

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