Literatur
"Die Plünderung der Hellenischen Republik"

Trotz des reißerischen Titels: Wer ein vollständigeres Bild der griechischen Miserie haben möchte, sollte "Greece's 'Odious' Debt" des griechischen Hedge-Fonds-Managers Jason Manolopoulos lesen.
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FrankfurtDer Ausdruck „Odious Debt“, also anrüchige, illegitime Schulden, ruft eine emotionale Reaktion hervor. Man denkt an grausame afrikanische Diktatoren, die ihr Land ausgeplündert haben und ihm nach ihrem Abtritt einen riesigen Schuldenberg hinterließen. Diese Schulden muss das Land, nach der Theorie der „Odious Debt“, nicht begleichen. Die Theorie, die der russische Ex-Minister und Juraprofessor Alexander Sack in den 1920er-Jahren propagierte, hat zwar nur sehr teilweise Eingang in das Völkerrecht gefunden, aber das populäre Rechtsempfinden spricht sie an.

Ist also Griechenlands übergroße Staatsschuld anrüchig, wie der Titel von Jason Manolopoulos’ Buch „Greece’s ,Odious’ Debt“ und noch mehr der Untertitel suggeriert, der übersetzt heißt: „Die Plünderung der Hellenischen Republik durch den Euro, die politische Elite und die Investmentbranche“. Der Autor, ein griechischer Hedge-Fonds-Manager, verneint die Frage selbst. „Es wäre weit hergeholt, alle oder auch nur die meisten griechischen Schulden als ,odious’ zu bezeichnen“, räumt Manolopoulos auf Seite 250 ein – nicht der einzige Widerspruch in dem Buch, das zu den ersten gehört, die sich vertieft und gleichzeitig lesbar mit der griechischen Schuldenkrise auseinandersetzen.

Ein anderer innerer Widerspruch besteht darin, dass die Eigenarten der griechischen Geschichte und die vielen Defizite in der Wirtschaftsstruktur in einen argumentativen Zusammenhang gebracht werden, in dem sie nahezu zwangsläufig in die Schuldenkatastrophe führen. Im Schlusskapitel mit den Reformvorschlägen sind dagegen die Abschnitte, die sich mit der unrühmlichen Rolle des ungehinderten kurzfristigen Kapitalverkehrs und der noch unrühmlicheren Rolle der Banken beschäftigen, erheblich länger als diejenigen, die sich mit Griechenland selbst beschäftigen. Das ist wohl auch angemessen, können Griechenlands Eigenarten doch kaum erklären, warum auch so unterschiedliche Länder wie Irland, Portugal und Spanien in den Strudel gerieten.

Auch wenn der durchaus konservative Autor nicht hält, was der reißerische Titel verspricht, ist sein Buch jedem zu empfehlen, der ein vollständigeres Bild von der griechischen Misere haben möchte. Neben Problemen, die auch in den Zeitungsschlagzeilen stehen, wie das frühe Pensionsalter, erfährt der Leser vieles, was ansonsten zu kurz kommt. Etwa die Tatsache, dass das Wettrüsten mit dem Natopartner Türkei für einen großen Teil der Schulden verantwortlich ist und dass damit die Nato das Problem leichter lösen könnte als der IWF. Doch bisher gab es keine ernst zu nehmenden Abrüstungsinitiativen von dieser Organisation, vielleicht auch, weil man auf die riesigen Waffenimporte Griechenlands nicht verzichten will.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Literatur: "Die Plünderung der Hellenischen Republik""

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  • Ja Realo, ich gebe Dir Recht. Und wie sieht es bei Dir aus, der Du rechnen kannst? Wofür gibt Dein Staat Geld aus? und vor allem woher bekommt er es? Ökosteuer, Kassenzusatzbeiträge, Erhöhung Renteneintrittsalter, Nullrunden in Rente und fallende Löhne und nicht zuletzt eine Politik die Dir und Deinen Kindern ein Erbe in Höhe von minus 2 Billionen hinterlässt.

    Gehässigkeit kann ein ziemlich hässliche Fratze haben, vor allem dann wenn der Blick in den Spiegel dann mal kommt.

    Die Griechen, die das zu verantworten haben konnten und können besser rechnen als Du und ich. Und sie hatten tatkräftige Unterstützung nicht zuletzt auch aus D.

    Abermilliarden sind nach GR geflossen und jetzt erst ist allen mitteleuropäern, allen voran D, aufgefallen, dass das Geld irgendwo versickert? Glaubst Du das? Wenn ja, dann sollte man hier einen Marsch gegen Naivität und Blindheit abhalten.

    Mein Problem sind nicht DIE GRIECHEN, mein Problem sind unsere Politiker. Wem man gibt, der nimmt. Warum also geben? Aus Nächstenliebe? Wohl kaum. Welchen Mist haben uns also unsere Politiker und Wirtschaftsbosse eingebrockt? Wer wusste was und wieso hat man es nicht verhindert? Das sind die Fragen die mich interessieren, denn es geht um mein Geld

  • Man auch mal die Frage stellen, warum sich Politiker (und es sind Männer) mit solcher "Technik" schmücken? Spätestens seit Ende des kalten Krieges sollte jeder wissen, dass die Abrüstung genauso viel kostet. Die neue U-Bahn in Athen hat ja die EU bezahlt, dann ist es halt egal, wofür man die Kröten ausgibt. Haben die heutigen Demonstranten sich jemals darum gekümmert, wofür der griech. Staat sein Geld ausgegeben hat, fällt das jetzt erst auf? Die 4fache Menge an Staatsdienern (Vergleich zu uns) spricht auch Bände. Da fehlt halt mal eine Olympiade in Grundrechnen!

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