Literatur
Suche nach Freiheit: Ein Chinese in den USA

„Ein freies Leben“ ist das erste Buch des mehrfach preisgekrönten chinesischen Schriftstellers Ha Jin, das nicht in China, sondern in den USA spielt. Auf mehr als 600 Seiten, in einem ruhigen Erzählfluss und voller detaillierter Beobachtungen und Gefühlslagen beschreibt der Autor den langen Weg des erzwungenen Ankommens in einem fremden Land – ein klassischer Entwicklungsroman.

DÜSSELDORF. Am 4. Juni 1989, als der Protest der Studenten auf dem Tienanmen-Platz mit Gewalt zerschlagen wird, ist Nan Wu weit weg von Peking. Er studiert in den USA wie viele junge Chinesen, promoviert in Politologie an der Brandeis University. Aus der Ferne schaut er ohnmächtig und wütend zu, was zu Hause passiert. Und entschließt sich zusammen mit seiner Frau Pingping, nicht zurückzugehen, obwohl ihr Sohn Taotao bei den Großeltern in Jinan geblieben ist. Endlich, nach langen Wochen des Bangens, bekommt der Sechsjährige im Herbst Pass und Visum, und der Onkel setzt ihn in Schanghai ins Flugzeug.

Mit Taotaos Ankunft in San Francisco beginnt Ha Jins Roman vom „freien Leben“. Es ist das erste Buch des mehrfach preisgekrönten 53-Jährigen Schriftstellers, das nicht in China, sondern in den USA spielt. Auf mehr als 600 Seiten, in einem ruhigen Erzählfluss und voller detaillierter Beobachtungen und Gefühlslagen beschreibt er den langen Weg des erzwungenen Ankommens in einem fremden Land – ein klassischer Entwicklungsroman. Nan Wu hat keine Alternative, er kann nicht mehr zurück. Er schmeißt die Uni, jobbt als Wachmann und Rezeptionist und kauft schließlich ein Chinarestaurant in Atlanta, in dem er jahrelang bis zur Erschöpfung arbeitet. Er hat keine Krankenversicherung, und er tut sich schwer mit der neuen Sprache, das „r“ geht nicht über die Lippen. Doch er träumt davon, Poet zu werden, und übt, Gedichte zu schreiben.

Auch Ha Jin spricht Englisch mit starkem chinesischem Akzent, obwohl er seit 1985 in den USA lebt. Die Parallelen zum Leben seines Romanhelden Nan Wu sind groß, auch er kehrte nach dem Tienanmen-Massaker nicht nach Hause zurück, und er war seitdem nie wieder in China. „Aber mein Leben ist glücklicher als das von Nan Wu, und ich habe die Uni beendet“, sagte er bei einer Lesung der LitCologne.

Ha Jin, heute US-Bürger, lehrt an der Universität Boston englische Literatur, war vorher Professor in Atlanta. Im Buch beschreibt er zwölf Jahre im Leben des Nan Wu, auch dies eine Parallele: „Meine ersten zwölf Jahre waren schwer, ich wollte zurück, hatte aber keinen Pass, konnte Familie und Freunde nicht sehen“, sagte Ha Jin, und auch er habe seinen Kampf mit der Sprache gehabt – er schreibt ausschließlich auf Englisch. China und die politischen Ereignisse kommen im Buch nicht direkt vor, sind aber unter der Oberfläche immer präsent.

Zu den interessantesten Szenen gehören die Kontakte Nans mit der chinesischen Diaspora. Er geht zu Versammlungen, diskutiert leidenschaftlich, geht sogar in die chinesische Kirchengemeinde, aber er fühlt sich nicht dazugehörig. Er träumt den amerikanischen Traum, sein Sohn soll Amerikaner werden: „Er musste dem Jungen die endlosen, unnötigen Leiden ersparen, die die Chinesen mittlerweile wie ein Naturgesetz hinnahmen“, heißt es im Roman. Das Buch hat noch eine zweite, spannende Dimension: Ha Jin beschreibt alltägliche Situationen, die dem westlichen Leser vertraut, Nan Wu aber fremd erscheinen. Und dieser Perspektivwechsel ist manchmal sehr komisch.

HA JIN:
Ein freies Leben
Ullstein, Berlin 2009
640 Seiten, 24,90 Euro

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