Litwinenko-Affäre
Kein banaler Mord

Die Mafia, kaukasische Terroristen – die Verdächtigen der Litwinenko-Affäre stricken fleißig Verschwörungstheorien. Währenddessen wird die bizarre Geschichte um den Tod des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters immer mehr zum Symbol für die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen.

MOSKAU. Der Mann wirkt entschlossen. Mit ernstem Gesicht blickt er in den überfüllten Pressesaal der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Interfax: Andrej Lugowoi, Geschäftsmann und ehemalige KGB-Agent, in den Augen der britischen Polizei Hauptverdächtiger für den grausamen Polonium-Mord an dem Exilrussen Alexander Litwinenko in London, hat die passenden roséfarbenen Manschettenknöpfe zu Krawatte und Hemd angelegt und einen weiteren undurchsichtigen Charakter in der Agenten-Tragödie mitgebracht – den Geschäftsmann Dmitri Kowtun. Das russische Fernsehen geht live.

Unvergessen ihr Versteckspiel im vergangenen Jahr, als sie irgendwie vergiftet und gerüchteweise dem Tode nah, mit den nach Russland gereisten britischen Ermittlern Katz und Maus spielten. Beide haben sich offenbar gut erholt, und jetzt ist es Zeit, die Wahrheit ans Licht zu bringen, die wahren Schuldigen zu benennen.

Lugowoi ist der Frontmann, das Podium gehört ihm, und mit zunehmender Selbstsicherheit trägt er einen mehrseitigen gedruckten Text vor – seine Sicht, seine und Kowtuns Unschuld. Endlich will er vor allem die Verleumdungen der britischen Presse aus der Welt räumen, die ihn nicht nur Nerven, sondern als Geschäftsmann inzwischen auch viel Geld gekostet haben. An den richtigen Stellen blickt er in die Kameras, dann, wenn es um den Erzbösewicht, den im Londoner Exil lebenden Oligarchen und Putin-Gegner Boris Beresowskij, geht und seine nicht minder bösen und korrupten Hintermänner beim britischen Geheimdienst MI-6. Die haben Litwinenko auf dem Gewissen – der übrigens selbst ein Verbrecher war.

Das Schema ist klar: Hier sitzt der aufrechte Russe, Sohn einer Offiziersfamilie. Dort, im fernen Ausland, ziehen die Dunkelmänner die Strippen: verkaufen britische Pässe wie Lampions auf dem Chinesenmarkt, machen aufrechten russischen Geschäftsleuten unmoralische Angebote, damit diese ihre Heimat und ihren Präsidenten verraten. Litwinenko, „Sascha“, ein Erpresser, den Beresowskij, sein Herr und Meister, auf dem Gewissen hat.

Die Mafia, kaukasische Terroristen – Lugowoi strickt die Verschwörungstheorien, so gut er kann. Beweise? Die hat er. Kann er aber natürlich jetzt nicht zeigen. Wird sie aber den russischen Ermittlern zur Verfügung stellen, selbstverständlich.

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