Live-Sendung
Putin redet viel und sagt wenig

Drei Stunden lang dürfen ausgewählte Bürger dem russischen Staatschef in Live-Schalten ihre Sorgen und Nöte schildern – doch die wirklich interessanten Fragen sind tabu. Am Ende der Sendung entblößt sich das Format der Show selbst.

MOSKAU. War was? Als sich Wladimir Putin am Donnerstag in der jährlichen großen Fernsehshow der Sorgen und Nöte seiner Russen annimmt, kommt nicht ein Hauch von Wahlkampf auf. Der Kreml-Chef lupft nicht ein Zipfelchen des großen Geheimnisses, das seine Mitbürger so sehr beschäftigt: Was wird nun aus ihm, dem Unersetzlichen, nach den bald anstehenden Duma- und Präsidentschaftswahlen? Wird er Premier? Wer wird ihm nachfolgen? Was, bitteschön, ist hier der Plan?

Drei Stunden lang dürfen ausgewählte Bürger dem Staatschef in Live-Schalten ihre Sorgen und Nöte schildern – doch die wirklich interessanten Fragen sind tabu. Zwar betont die Administration immer wieder, wie spontan der Ablauf der Show ist. Unvorstellbar scheint aber, dass etwa dem Wirtschaftsstudenten aus Wladiwostok, der zu Putin durchgestellt wird, das Problem der Spielhallenkriminalität stärker unter den Nägeln brennt als die Frage, was aus seinem heiß verehrten Präsidenten wird.

Putin mag das Fernsehformat, wie er früher einmal bekannt hat: Nur dieses Mal muss er vorsichtig sein, was er sagt. Er ist nicht nur Präsident, sondern jetzt auch Spitzenkandidat der Partei Geeintes Russland für die Duma-Wahl und muss sich als solcher an das bis Anfang November geltende „Agitationsverbot“ halten. Bis dahin darf keine Partei die Werbetrommel in den Massenmedien rühren. Dennoch: Putin nutzt die Gelegenheit, stundenlang ohne große Unterbrechung auf den staatlichen TV-Kanälen und im Radio reden zu können, um seine Botschaft rüberzubringen: Russland ist stark, es geht voran und es wird noch besser – macht euch keine Sorgen!

Die Wahlen werfen aber ihre Schatten voraus, denn das Gros der Fragen beschäftigt sich mit wirtschaftlichen und vor allem sozialen Themen: Hier fehlt ein Kindergarten, dort eine Brücke. Die Rente reicht nicht, Medikamente werden knapp. Warum ist künstliche Befruchtung nicht kostenlos? Die Bürger klagen, und der Präsident tröstet. Der Vorspann der Sendung zeigt dankbare Russen, deren Anliegen letztes Jahr dem Präsidenten zu Ohren kam – und wie gut es ihnen heute geht.

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