Lob und Kritik für Brüssel
EM-Boykott der EU befeuert Ukraine-Debatte

Die EU-Kommission hat mit ihrer Ankündigung, die Fußball-EM in der Ukraine zu boykottieren, ein unterschiedliches Echo ausgelöst. Die Regierung in Kiew zeigte sich empört, in Berlin zollte man Brüssel sogar Lob.
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BerlinDie Debatte um einen Boykott des Austragungslandes der Fußball-Europameisterschaft Ukraine gewinnt deutlich an Schärfe, nachdem die Spitzen der Europäischen Union das Turnier geschlossen boykottieren wollen. Die Regierung in Kiew reagierte mit scharfer Kritik. „Das Außenministerium hält die Versuche einer Politisierung von Sportereignissen für destruktiv“, teilte das Ministerium mit. Sportveranstaltungen dienten seit Urzeiten der zwischenstaatlichen Verständigung. „Aufrufe zu einem Boykott der Meisterschaft würden den Beziehungen einen Schaden zufügen“, heißt es weiter in dem Schreiben.

Die EU-Kommission hatte am Donnerstag angekündigt, dass Kommissionspräsident José Manuel Barroso und die anderen 26 Mitglieder der Kommission nicht zu Spielen der Fußball-Europameisterschaft in die Ukraine reisen werden. Damit gerät die Ukraine wegen ihres Umgangs mit der inhaftierten Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko stärker unter Druck. Timoschenko verbüßt nach einem Strafprozess, der von Kritikern als Rachejustiz gewertet wird, eine siebenjährige Gefängnisstrafe. Sie leidet angeblich unter einem chronischen Bandscheibenvorfall.

Die EU-Kommission teilte mit, sie sei zur Zusammenarbeit mit der Ukraine bereit, aber die Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch müsse demokratische Werte achten. Mit der Entscheidung der EU-Spitze verstärkt sich die diplomatische Isolierung der Ukraine, die eine EU-Mitgliedschaft erwägt. Neun europäische Staatsoberhäupter - darunter Bundespräsident Joachim Gauck - haben ein für den 11. Mai geplantes Treffen mit Janukowitsch abgesagt. Sie wollen damit nicht nur gegen die Haft von Timoschenko protestieren, sondern auch gegen die Gefängnisstrafen und fragwürdigen Prozesse gegen andere Oppositionspolitiker.

In Berlin wurde der Schritt Brüssels unterschiedlich bewertet. „Jeder muss selber entscheiden, ob er die EM-Spiele besucht oder nicht. Ich finde es richtig, dass die Kommissionsmitglieder nicht teilnehmen“, sagte der CDU-Außenexperte Philipp Mißfelder Handelsblatt Online. Der FDP-Außenpolitiker Rainer Stinner äußerte Kritik. „Wir sollten auf eine Lösung der rechtstaatlichen Probleme in der Ukraine hinarbeiten. Boykottankündigungen allein reichen dafür nicht aus, sie können sogar kontraproduktiv sein“, sagte Stinner Handelsblatt Online.

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