Lockruf des Geldes
Ukraine: Fußnoten einer Revolution

Von gedopten Apfelsinen und orangenen Boxern hat die friedliche Revolution in der Ukraine so manche Skurilität zu bieten. Meist fernab der Politik und doch mittendrin.

HB KIEW. Und es werde Licht: Die Internet-Cafes im Hauptpostamt am Kiewer Unabhängigkeitsplatz sind durch ausländische Journalisten und aus fernen ukrainischen Provinzen angereiste Demonstranten so gut ausgelastet, dass nach 13 Tagen Demo in der ukrainischen Hauptstadt jetzt endlich so viel Geld in die Kasse gekommen sein muss, dass heute morgen ausgebrannte Glühlampen durch neue ausgetauscht wurden.

“Tauschen blau-weiße gegen orangene Accessoires. Mittagessen dazu gratis.” So wirbt das Lager von Oppositionsführer Viktor Juschtschenko auf einem Plakat am Kiewer Bahnhof die auf dem Vorplatz versammeltene bisherigen Anhänger des abgewählten Premierministers Viktor Janukowitsch, dessen Kampagnenfarben blau und weiß waren, um Seitenwechsel zur Opposition. Ein Reporter der Kiewer Zeitung “Gasjeta po kiewskij” hat den Praxistest gemacht und ein blaues Janukowitsch-Band abgegeben und bekam dafuer einen orangefarbenen Wimpel und einen kleinen Kalender und die mitleidigen Worte: Leide nicht, jeder macht mal einen Fehler. Dann wurde er von einer Juschtschenko-Aktivistin zum Essen in ein Zelt abgeholt und den dort Versammelten vorgestellt mit den Worten: “Er ist zu uns übergelaufen und heisst Schenja. Gebt ihm eine Suppe, etwas Fleisch und ein Dessert mit Tee.”

In Sachen Essen kennt sich wiederum Ludmila Oleksandriwna bestens aus, die wie eine Sowjet-Matrone aussehende Ehefrau des zum Wahlsieger ausgerufenen Viktor Janukowitsch: “In Kiew essen alle Orangen, aber das sind keine einfachen Apfelsinen, sondern mit Drogen versetzte Früchte. Deshalb sind die alle da so willenlos für Juschtschenko”, klärte die Premiers-Gattin in der Heimatstadt Donezk die dort zu einer Kundgebung Versammelten über die wahren Hintergründe der Massendemonstrationen in der fernen Hauptstadt auf. Kiews Oberbürgermeister Olexander Omeltschenko nahm gestern die Fährte auf wie ein Drogenspürhund: “Ich habe zig Apfelsinen gegessen auf im Demo-Zeltlager und keinen Rausch bekommen. Auch Filzstiefel aus US-Produktion, die dort laut Frau Janukowitsch hingeliefert worden sein sollen, konnte ich nicht finden.”Der Frauenrat der Ukraine befand denn auch heute, dass Ludmila Janukowitsch eine “mutige und eine Seele von Frau ist, aber leider desinformiert”.

Nachrichten sind ja auch für die ukrainischen Fernsehzuschauer wichtige Nerven-Nahrung. Doch wohl einmalig sein dürfte, wie die Nachrichtensprecherin Tatjana von Anhängern der Opposition auf der Dauerdemo auf dem Unabhängigkeitsplatz gefeiert wurde: Die 40-Jährige hatte, im unteren rechten Eck des Bildschirms eingeblendet, in der Nachrichtensendung die verlesenen Meldungen fuer Hörbehinderte in Gebärdensprache übersetzt. Als die offiziellen Wahlergebnisse verlesen wurden, machte sie in Handzeichen allerdings klar: “Glaubt ihnen kein Wort, alles ist erlogen. Ich entschuldige mich dafür, dass ich das all die Jahre mitgemacht habe.”

WBC-Boxweltmeister Vitali Klitschko ist bekanntermaßen Fan des ukrainischen Oppositionsführers Viktor Juschtschenko. Das soll jetzt auch alle Welt wissen und so tritt der in Deutschland lebende Ukraine am 11. Dezember seinen Titelverteidigungskampf in der Mandalay Bay-Arena in Las Vegas gegen den Briten Danny Williams in orangefarbenen Shorts mit der Aufschrift “Tak! (nun aber) Juschtschenko” an. Zuerst wollte der ältere der Klitschko-Brueder wegen der politischen Lage in seiner Heimat den Kampf verschieben und die Demonstranten durch seine Anwesenheit in Kiew unterstützen. Jetzt entschied er, mit seiner ungewöhnlichen Werbefläche die ganze Sportwelt auf den wichtigeren Machtkampf hinzuweisen.

Neben den kräftigen Klitschko-Brüdern und der ukrainischen Eurovision-Schlagerwettbewerb-Gewinnerin Ruslana bekommt Juschtschenko auch immer mehr internationale Unterstützer: Die Sänger Sting, Joe Cocker, Zucchero, Ian Anderson von Jethro Tull und sogar Franz Beckenbauer outeten sich auf der Oppositions-Website als Fans der Oranjes von Kiew: “Hallo mein Name ist Sting” stellt sich der weltbekannte Musiker in einem Clip vor und fordert Freiheit und Demokratie für die Ukraine.

Oppositionsführer Viktor Juschtschenko ist bekanntlich Ökonom und so hat er seinen Anhängern auch ganz wirtschaftliche Gründe beigebracht, warum sie weiter in der Kälte für ihn demonstrieren sollen: “Ein Jahr lang eine ehrliche Regierung an der Macht, werdet ihr sehr schnell in euren Portemonnaies spüren”, rief er den Demonstranten von der Bühne seinen Lockruf des Geldes zu.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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