Löhne in Osteuropa
Das Kreuz mit den Kosten

Die Löhne in Osteuropa steigen kräftig. Das bremst den Trend zur Produktionsverlagerung in die neuen EU-Staaten. Vereinzelt ziehen Firmen jetzt noch weiter ostwärts, wo die Arbeitskosten niedriger sind. Umgekehrt zieht es qualifizierte Kräfte in den Westen – und das die Lohnspirale weiter nach oben.

WARSCHAU / STOCKHOLM. Ein kräftiger Fachkräftemangel in den boomenden Wirtschaftsregionen Osteuropas treibt dort die Arbeitskosten in die Höhe. „Dieses Defizit kann mittel- und langfristig Investitionsentscheidungen beeinflussen“, warnt Lars Bosse von der deutsch-polnischen Industrie- und Handelskammer. Drei Jahre nach der EU-Erweiterung hält die deutsche Wirtschaft jedoch an Ländern wie Polen, Tschechien, der Slowakei und den baltischen Republiken als Investitionsstandort fest – weil die Kostendifferenz groß bleibt. „Die osteuropäischen Länder werden im Durchschnitt frühestens 2030 etwa 50 Prozent der Löhne erzielen, die in Westeuropa gezahlt werden“, prognostiziert Hans Werner Sinn vom Münchener Ifo-Institut.

Detlev Reinsberg, Geschäftsführer des deutschen Kühler- und Wärmetauscher-Herstellers AKG, der vor zwei Jahren eine Produktionsstätte im lettischen Jelgava errichtet hat, bestätigt das: „Wir sind trotz der Lohnsteigerungen in der Region heilfroh, dass wir das gemacht haben, es ist immer noch sehr günstig. Deutsche Unternehmen haben laut Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) seit 1989 rund 120 000 Arbeitsplätze aus Kostengründen nach Osteuropa verlegt; deutsche Töchter beschäftigen dort inzwischen eine Dreiviertel Million Menschen.

Ein Schlaglicht auf die Aufholjagd der Region hatte der Fall Skoda geworfen. Die Beschäftigten der drei tschechischen Werke Mlada Boleslav, Vrchlabi und Kvasiny hatten in einem harten Arbeitskampf gefordert, dass sich ihre Gehälter denen der Konzernmutter VW annähern. Immerhin erzielten sie zuletzt eine Lohnerhöhung von fast 13 Prozent. Schon zuvor lag ihr Lohn mit 790 Euro um gut zehn Prozent über tschechischem Durchschnitt. Ihre VW-Kollegen verdienen mehr als das Dreifache, lässt man die Kaufkraftunterschiede beiseite.

Das Beispiel Skoda könnte laut Dalia Marin, Ökonomin an der Uni München, negative Signalwirkung haben. „Wenn sich Arbeitnehmer nicht mehr an nationalen Produktivitätszuwächsen orientieren und mit Landsleuten vergleichen, sondern unternehmensweit über Ländergrenzen hinweg, wird ein bedeutendes Motiv für Auslandsverlagerungen wegfallen.“ Unternehmensweite Lohnvergleiche seien ökonomisch nur sinnvoll, wenn die Produktivität vergleichbar hoch sei. Andernfalls könnte dieselbe Entwicklung drohen, wie in Ostdeutschland: Dort wurden Löhne weit über der Produktivität der Arbeitskräfte gezahlt, und mit der heute hohen Arbeitslosigkeit bestraft.

Stärker als die Lohnkosten belastet der Fachkräftemangel schon heute die ausländischen Investoren. Die koreanische LG-Gruppe zum Beispiel, die bei Breslau Flachbildschirme herstellt, will billige Arbeitskräfte aus Asien beschäftigen. Allein auf Polens Baustellen fehlen derzeit 150 000 Arbeiter.

Vor allem in Ballungsgebieten wie Südwestpolen, rund um Prag und in der westlichen Slowakei hat der Zustrom ausländischer Investitionen die Fachkräfte vom Markt gezogen. „Seit zwei Jahren beobachten wir, dass Unternehmen vakante Stellen nicht immer optimal besetzen konnten“, sagt ein Sprecher der deutsch-slowakischen IHK. „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist so dramatisch, dass große Investitionen gar nicht mehr möglich sind, weil die Leute fehlen”, sagt Ralph Tischer, Chef der deutsch-baltischen Handelskammer. Vereinzelt ziehen Unternehmen daraus die Konsequenz: „In einigen Branchen zeichnet sich der Trend ab, weiter nach Osten in Niedrigstlohnländer zu ziehen“, sagt IW-Experte Christoph Schröder.

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