Lohnsteuererklärung Online
Grillfest im Internet

„Auf einen Klick gibt’s Geld zurück“ – zumindest in Österreich. Seine Bürger können beispielsweise ihre Lohnsteuererklärung ziemlich zügig online ausfüllen und in einem Rutsch dann Nachzahlungen per Kreditkarte erledigen. Hinter den dicken Mauern seiner die Zeiten überdauernden Paläste ist das Land vernetzt wie kaum ein zweites in Europa.

WIEN. Die Kärntnerstrasse in Wien ist das, was in Düsseldorf die Königsallee oder in Zürich die Bahnhofstraße ist: die noblere Einkaufsmeile der Stadt. Einzigartig allerdings ist eine Leuchtreklame, die ziemlich genau in der Mitte der Fußgängerzone aufgehängt ist und mit den Worten: „Auf einen Klick gibt’s Geld zurück“ wirbt. Der Finanzminister hat sie installieren lassen. Er weist darauf hin, dass Österreich Wünsche erfüllt, von denen Deutsche nur träumen: Die Lohnsteuererklärung beispielsweise lässt sich ziemlich zügig online ausfüllen. In einem Rutsch können sich dann Nachzahlungen per Kreditkarte erledigen lassen. Und wem zu viel abgezogen wurde, der erhält mit ein paar Klicks tatsächlich innerhalb weniger Tage sein Geld zurück, wie österreichische Steuerberater bestätigen, auch wenn ihr Job damit ein bisschen überflüssiger wird.

Touristisch gibt sich Österreich gerne den Anschein, als sei die Monarchie noch nicht gänzlich abgeschafft. Doch hinter den dicken Mauern seiner die Zeiten überdauernden Paläste ist das Land vernetzt wie kaum ein zweites in Europa. Allenfalls die Schweden oder das überschaubarere Estland können mit dem digitalen Österreich mithalten.

Christian Rupp aus dem Kanzleramt sitzt unter den schimmernden Kronleuchtern des Café Central bei einem großen Braunen ohne Rahm. Sein Handy bimmelt im Drei-Minuten-Takt, und gleich muss er rüber ins Kanzleramt, um dem slowakischen Vizepremierminister die „E-Government-Initiative“ Österreichs zu präsentieren, für die er zuständig ist. „Den Strafregisterauszug für die Bewerbung“, sagt Rupp und schlürft am Kaffee, „den Zählerstand an der Wasseruhr“, fügt er hinzu und entscheidet sich, diesen Anruf am Handy nicht anzunehmen, „oder den Antrag für ein Grillfest auf der Donauinsel am Wochenende – wer in Österreich lebt, kann so was am Bildschirm erledigen.“

Dann spult er die Vorteile herunter: Allein dass die Verwaltung in Wien keine Akten mehr hin- und herschiebt, spart 60 Tonnen Papier. Die Internet-Seite www.help.gv.at enthält 200 „Lebenssituationen“, wie Rupp das Zusammentreffen von Bürger und Verwaltung nennt, und entsprechende Links, um sie online zu meistern. 300 000 Besucher fragen im Monat zehn Millionen Informationen auf dieser Seite ab. „Stellen Sie sich vor, das müssten Angestellte am Telefon bewältigen!“ Der Gedanke lässt Rupp für einen Augenblick innehalten, vor seinem inneren Auge spielen sich wahrscheinlich chaotische Behördenszenen ab, während er genüsslich eine kleine Praline kaut, die ein serviler schwarz gekleideter Ober zum Kaffee gebracht hat.

Er lässt keinen Zweifel daran, dass das digitale Österreich pro Bürger weniger Verwaltungsangestellte beschäftigt als beispielsweise das analoge Deutschland. Zwei Voraussetzungen sowie entsprechende Gesetze waren für das System, das vor vier Jahren so richtig in Rollen gekommen ist und inzwischen von etwa einem Viertel der Österreicher genutzt wird, nötig: Ein zentrales Melderegister, in das die 2 358 Gemeinden des Landes ihre Daten einspeisten. Und eine „Bürgerkarte“ mit einem Chip, der gemeinsam mit einem Code die einwandfreie Identifikation am Bildschirm ermöglicht. Der Chip kann auch im Studentenausweis oder der Kreditkarte integriert sein. Selbst die Identifikation übers Mobiltelefon funktioniert.

Datenschützer sind beeindruckt. Österreich hat für das System einen internationalen Datenschutzpreis gewonnen. Neue Möglichkeiten der Identifikation kommen laufend dazu. In Schweden genügt es mancherorts inzwischen, seinen Finger in ein Gerät zu halten, das den Abdruck entschlüsselt. „E-Government ist eine Reise, kein Ziel“, sagt Rupp und beweist, dass sich digitale Phantasie und traditionelle Philosophie nicht ausschließen.

Dann muss er aber los. Rüber zum Vizepremier und ihm das digitale Österreich erklären. Jemand von Siemens ist mit dabei. Es könnte ja sein, dass die Slowaken gleich was bestellen wollen. Jetzt, wo die Sache im eigenen Land gut läuft, denken die Österreicher nämlich an den Export. Auch über die Königsallee in Düsseldorf ist Rupp schon gelaufen. „Aber die kleinen Staaten“, sagt er, „tun sich da oft etwas leichter.“

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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