Londoner Attentat
„40 Zentimeter zwischen mir und der Bombe“

Ein Jahr nach den Attentaten in London leiden die Opfer noch immer an den Folgen. Und die Behörden fragen sich, warum vier junge Muslime zu Massenmördern wurden.

LONDON. Nach dem kurzen Einfall von Tageslicht am Bahnsteig der Edgware Road Station verschwinden die U-Bahn- Wagen der Circle Line hinter einer leichten Linkskurve wieder im Tunnel. Erst huschen noch bernsteinfarbene Lichter vorbei, dann schließt sich die Röhre eng um die Waggons, Luftdruck schüttelt den Zug.

Es ist die Stelle, wo am 7.7.2005, also vor genau einem Jahr, im zweiten Wagen von Zug 216 die Bombe explodierte. Es ist kurz nach 8.50 Uhr, als der U-Bahn-Angestellte Steve Hickin an jenem freundlichen Morgen einen lauten Knall hört. Er rennt ans Fenster des Kontrollraums, dann auf den Bahnsteig. Zusammen mit einem Kollegen blickt er in den Tunnel. „Wir konnten noch das Ende des Zuges etwa 50 Meter im Tunnel Richtung Paddington sehen und eine Menge Staub“, schreibt Steve später in seinem Dienstbericht. Er fordert Ambulanzen an, „so viele ihr habt“.

Die beiden machen sich auf in den Tunnel, in dem Mohammed Sidique Khan in seinem Rucksack eine Bombe zündete. „Ich sah das Loch im Waggon“, berichtet Steve. „Menschen lagen auf dem Boden des Zuges. Ein bisschen weiter saß ein Mann, als ob er schliefe. ,Wie kann er dasitzen und schlafen?’ dachte ich. Als ich zu ihm ging, merkte ich, dass er tot war.“

Um 9.51 Uhr, eine Stunde nach den drei Bomben in Londoner U-Bahnen und vier Minuten nach der Explosion eines Doppeldecker-Busses am Tavistock Square, ruft Scotland Yard Großalarm aus. Vier Selbstmordattentäter haben sich in die Luft gesprengt und 52 Menschen mit in den Tod gerissen, über 700 werden verletzt.

Danny Biddle, 27, früher Projektmanager in der Bauindustrie, ist der Einzige, der Khan bei seiner Tat gesehen hat und davon erzählen kann. Als er nach Wochen im Koma im Krankenhaus den Fernseher einschaltet und Khans Propagandavideo auf Al Dschasira sieht, geht es ihm schlagartig durch den Kopf. „Das war er. Wir haben uns im Zug angesehen.“ Der „Mail on Sunday“ erzählt Biddle später, wie er an der Plexiglasscheibe gleich am Eingang des U-Bahn-Wagens steht. Auf der anderen Seite sitzt Khan, der Aushilfslehrer aus Leeds, der auf dem Bekenner-Video mit einem warmen Lancashire-Akzent spricht und von denen, die ihn kannten, als freundlich, hilfsbereit und geduldig beschrieben wird. Den Rucksack hat Khan gar nicht mehr abgenommen.

„Da waren nur 40 Zentimeter zwischen uns“, erinnert sich Biddle. „Er sah hoch, sah mich an, dann drehte er sich weg. Da war nichts in seinen Augen. Man würde denken, dass einer, der sich gleich in die Luft sprengt, brüllt und schreit. Aber da war nichts. Er war ruhig, es war nichts Besonderes an ihm. Mehrmals sah er auf die Uhr. Dann steckte er die Hand in seine Tasche, und es zuckte ein weißer Blitz durch den Wagen.“

Danny wird durch die Türen an die Tunnelwand geschleudert. Als er nach seinen Beinen tastet, fühlt es sich an „wie bei einem Wasserhahn, aus dem Blut schießt“. Die Wucht hat ihm beide Beine genommen. 12 000 Euro haben die Bomber für die Anschläge ausgegeben, rechnet das Innenministerium später in einem Bericht über die Anschläge aus: Flugtickets nach Afghanistan, Materialien für die Bombe, Miete für die Bombenwerkstatt. Eine Antwort auf die Frage, warum die vier jungen britischen Muslime dieses Blutbad anrichteten, gibt der Bericht nicht.

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