Londoner City-Maut
Immer Ärger mit Ken

Londons Bürgermeister Ken Livingstone hat die City-Maut für Autos auf die westlichen Nobelstadtteile der britischen Kapitale ausgedehnt. Das geht den Bewohnern und ortsansässigen Geschäftsleuten zu weit - und sie haben gute Argumente zur Hand.

LONDON. Raj Patel steht hinter der Ladentheke und blickt betrübt auf die Straße vor seinem Geschäft. „Die neue Stauzone ist schrecklich“, sagt der schmächtige Mann mit den kurzen, schwarzen Haaren. „Die meisten unserer Kunden kommen aus anderen Stadtteilen, und viele von ihnen werden wohl künftig wegbleiben.“ Dann fügt er mit leiser Stimme hinzu: „Was fast noch schlimmer ist: Auch einige Mitarbeiter haben gesagt, dass sie sich neue Jobs außerhalb der Zone suchen werden.“

„Lords“ steht auf dem blauen Fleece-Pullover des Mannes. „Lords“, das ist eine kleine Ladenkette, die Material und Werkzeuge für Handwerker verkauft. Hell und picobello aufgeräumt sind die Lords-Geschäfte, die sich an der Einkaufsstraße Westbourne Grove am Rand des schicken Stadtteils Notting Hill aneinander reihen. In einem Laden gibt es Holz und Türbeschläge, im nächsten Sanitärbedarf und Kleingeräte und im dritten Farben und Lacke. Hier kaufen Handwerker und Hobby-Bastler, was sie für die Renovierung des typischen Londoner Altbauhauses brauchen.

Nicht mehr lange, fürchtet Patel. Denn ab sofort müssen sie auf den Einkauf acht Pfund (umgerechnet zwölf Euro) draufschlagen. Die werden fällig, weil der Bürgermeister von Groß-London, Ken Livingstone, die Stauzone in der City auf die angrenzenden westlichen Stadtteile ausgedehnt hat. Jede Fahrt in die Zone kostet dann montags bis freitags zwischen 7 und 18 Uhr Eintritt, zu bezahlen an Automaten, Tankstellen oder per Mobiltelefon.

Der gestrige Montag war der erste Tag des neuen Regimes, das viele Geschäftsleute mit Schrecken erwarteten. Die Zone, sichtbar gekennzeichnet durch das weiße „C“ für „Congestion Charge“ (Staugebühr) im roten Kreis auf Asphalt und auf Schildern, erfasst nun auch Londons feinste Adressen: Chelsea, Belgravia, Kensington – und eben Notting Hill. Offizieller Zweck: die dicke Luft nicht mehr hinnehmen und den für diesen Teil Großbritanniens so typischen Verkehrsstau reduzieren. West-Londoner zischen jedoch zwischen den Zähnen das hässliche Wort „Klassenkampf“, wenn es um die Maut geht.

Sie richte sich, so lautet der Vorwurf, gegen die Reichen und Schönen der Metropole, die sich in Limousinen mit getönten Scheiben ins Geschäft chauffieren lassen oder in wuchtigen Geländewagen – in London als „Chelsea-Traktor“ geschmäht – auf einen entkoffeinierten Latte ins In-Café an der Kings Road düsen. Doch während die jetzt ungestörter dahingleiten können und die acht Pfund wohl eher als Klacks abtun, ist die Maut für Geschäftsleute ein echtes Problem. Denn es gehe ja nicht nur um die Kunden, die wegbleiben würden, auch die Lieferanten und Kuriere würden nun acht Pfund auf jede Rechnung draufschlagen, klagt Kate Walter, Buchhalterin beim Schuhdesigner Emma Hope Shoes.

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