Los der Armen im Land soll verbessert werden: Indiens Budget stellt die Weichen für Investoren

Los der Armen im Land soll verbessert werden
Indiens Budget stellt die Weichen für Investoren

Indische Unternehmer und Auslandsinvestoren sehen dem kommenden Montag mit Spannung entgegen: Dann wird Finanzminister Palaniappan Chidambaram den Bundeshaushalt vorstellen. Er markiert den bislang wichtigsten Test für den Reformwillen der linkslastigen Regierung, die vor neun Monaten mit dem Versprechen an die Macht kam, das Los der 250 Millionen Armen im Land zu verbessern.

NEU DELHI. Investoren hoffen, dass der Minister jetzt eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt stärker für Auslandskapital öffnet und Strukturreformen vorantreibt.

In seiner Haushaltsrede wird der Minister bei wichtigen Punkten Farbe bekennen müssen. Er hat versprochen, Indiens lukrativen Banken-markt für ausländische Mehrheitsbeteiligungen zu öffnen. Darauf wartet unter anderem die Deutsche Bank. Wie die Citigroup und HSBC wollen die Frankfurter eine indische Bank übernehmen und in das boomende Privatkundengeschäft einsteigen. Die Kommunisten als wichtigster Koalitionspartner der Congress-Regierung in Neu Delhi wollen dies jedoch verhindern. An ihrem Widerstand scheitert bereits seit Monaten auch das Vorhaben, die Investitionsgrenze bei Jointventures von Versicherungen auf 49 Prozent zu erhöhen. Darauf wartet die Allianz AG, die in Indien schneller wächst als im Rest Asiens.

Wichtigster Fokus des Haushalts dürfte jedoch das komplizierte, ungerechte Steuersystem des Landes sein: Nicht einmal drei von hundert Indern zahlen Steuern, und mit neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zählt das Steueraufkommen zu den niedrigsten der Welt. In China ist die Rate doppelt so hoch. „Steuerreformen werden der Eckstein dieses Budgets“, glaubt Saumita Chaudhuri von der Ratingagentur ICRA. Chidambaram selbst kündigt einen „massiven“ Umbau an und definiert ein einfaches System mit weniger Ausnahmen, niedrigeren Sätzen und einer breiteren Basis als Ziel. Fest erwartet wird zudem, dass er die Durchschnittszölle von 20 auf 15 Prozent stutzt. Dies würde den Wettbewerb in der Binnenwirtschaft anheizen, Indien stärker in den Welthandel eingliedern und über niedrigere Kosten für Maschinen und Vorprodukte gleichzeitig die Exporte fördern.

Indiens Exporteure werden noch von einer weiteren Reform profitieren, die viele für die größte Regierungsleistung halten: Im April kommt die Mehrwertsteuer. Anders als die Gemeinde-, Länder- und Bundessteuern, die sie ersetzt, wird sie Exporteuren zurückerstattet.

Chidambaram steht aber vor einem heiklen Spagat: Einerseits muss er im Budget Raum schaffen für überfällige Infrastrukturinvestitionen. Denn der miserable Zustand von Straßen, Häfen oder Stromnetz wirkt als Wachstumsbremse und verschreckt Investoren. Andererseits muss er das mit zehn Prozent des BIP gefährlich aufklaffende Defizit reduzieren. Ansonsten könnten die Umleitung von Ersparnissen in Staatsanleihen und steigende Zinsen den Investitionszyklus in der Privatwirtschaft abwürgen. Beim Meistern dieses Drahtseilakts hilft dem Finanzminister das hohe Wachstum, das dieses Jahr ungefähr sieben Prozent betragen soll.

Trotz der Querschüsse der Kommunisten, die Subventionskürzungen und Privatisierungen erschweren, stehen die Vorzeichen für ein reformorientiertes Budget gut: Gerade boxte die Regierung eine Erhöhung der Investitionsgrenzen für Ausländer in der stark wachsenden Telekombranche durch. Zudem wurde ein Knebelgesetz abgeschafft, das die Gründung neuer Unternehmen von der Zustimmung bestehender Jointventure-Partner abhängig macht. Genehmigt wurde auch ein neues Elektrizitätsgesetz, das private Investitionen in den maroden Sektor ermutigt.

Schließlich machte das Kabinett den Weg frei für Sonderwirtschafts-zonen nach chinesischem Muster. Der große Nachbar wandelt sich langsam vom gefährlichen Rivalen zum Vorbild. „Wir sollten China nacheifern“, fordert Premier Manmohan Singh, „wir müssen bei Wachstum, Handel und Infrastruktur genauso gut werden.“

Ausländische Firmen bauen ihr Engagement aus

Indien zieht seit Jahren nur rund ein Zehntel der Auslandsinvestitionen (FDI) an, die auf China entfallen. Doch Premier Manmohan Singh lässt keine Gelegenheit aus, Auslandskapital als Schlüssel für höheres Wachstum und mehr Jobs zu preisen. Er will den Zufluss von derzeit fünf auf 15 Mrd. Dollar jährlich erhöhen. Dabei hilft ihm, dass das Land immer stärker in den Fokus multinationaler Konzerne rückt: Im Ranking der Unternehmensberatung A.T. Kearney ist Indien zum drittattraktivsten Investitionsziel hinter China und den USA aufgestiegen. Und eine gerade veröffentlichte Studie der Deutschen Bank ruft den Staat zum weltweit stärksten Wachstumspol der kommenden 15 Jahre aus.

„Dieses Jahr wird das Land die Trendwende zu deutlich höheren FDI-Zuflüssen schaffen“, glaubt die Barclays-Volkswirtin Dominique Dwor-Frécaut. Das legt auch eine Serie von Großinvestments nahe, die in den letzten Wochen verkündet wurden: Siemens steckt 500 Mill. Dollar in den Ausbau indischer Fabriken, der Schweizer Zementkonzern Holcim kauft für 800 Mill. Dollar die Mehrheit an Ambuja Cement, DHL hat für 160 Mill. Dollar den führenden Kurierdienst Blue Dot übernommen. Der südkoreanische Stahlkonzern Posco und der australische Rohstoffriese BHP Billiton sprechen über ein gemeinsames 8,4-Mrd.-Dollar-Projekt in Orissa.

Hyundai hat gerade für 600 Mill. Dollar den Bau einer neuen Fabrik für 150 000 Autos im Jahr verkündet, und auch Suzuki und Toyota nehmen große Expansionsprojekte in Angriff. Daher erweitert der Autozulieferer Bosch seine Produktion für 220 Mill. Euro. „Deutsche Firmen werden dieses Jahr deutlich mehr in Indien investieren“, erwartet Bernhard Steinrücke, Leiter der deutsch-indischen Handelskammer. Viele müssen nicht einmal neues Kapital nach Indien bringen: Bosch und Siemens finanzieren ihre Expansion fast ganz aus lokalen Gewinnen.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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