Lucke in Siegerlaune
„Die AfD ist angetreten als neue Volkspartei“

Ein gutes Jahr ist die AfD alt. Nach der Europawahl zählen sich die Euro-Kritiker schon zu den Etablierten im Parteiensystem. Womöglich nehmen sie bald den Platz der FDP in der deutschen Politik ein.
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BerlinDas dürfte der Durchbruch für die Alternative für Deutschland sein. Mit der Europawahl am Sonntag haben sich die Euroskeptiker der AfD fest in der deutschen Politik etabliert. Die AfD erreichte bei ihrer ersten Europawahl 7,0 Prozent. Während die FDP sich möglicherweise für lange Zeit aus der öffentlichen Wahrnehmung verabschieden muss, nimmt die AfD Kurs auf die nächsten Landtagswahlen – und damit auf die Bundestagswahl 2017.

Die Stimmung bei der Wahlparty in der Berliner Friedrichstraße ist schon vor der ersten Prognose ausgelassen. Kinder kicken mit blauen Luftballons, das Bier schmeckt. Dann die ersten Zahlen: Schon beim bescheidenen Ergebnis der Union Beifallsbekundungen, bei der FDP hämisches Lachen und dann grenzenloser Jubel beim AfD-Resultat, obwohl mancher vorher noch mit mehr gerechnet hatte.

„Da wäre noch mehr drin gewesen“, meint einer der Gäste, und: „Ich hätte mir schon ein bisschen mehr erhofft.“. Dagegen sagt Beatrix von Storch, die umstrittene Berliner AfD-Politikerin und neue Europa- Parlamentarierin: „Ich bin sehr zufrieden. Vor einem Jahr hat uns das keiner zugetraut.“

Wenige Sekunden später steht Parteichef Bernd Lucke auf der Bühne, wird gefeiert, „AfD, AfD“ skandieren die mehreren hundert Gäste. „Die AfD ist angetreten als neue Volkspartei“, ruft Lucke. „Manche Blumen blühen auf, und andere verwelken“, sagt er, und wieder schadenfrohes Gelächter. 14 Kinder stehen auf der Bühne, und um die und ihre Zukunft geht es, sagt Lucke. Die AfD feiert sich selbst.

Im Vorfeld lief nicht alles glatt

Fast grenzenlos optimistisch ist auch der frühere Industriepräsident Hans-Olaf Henkel, Neu-Mitglied der AfD und in Kürze mit 74 Jahren erstmals im Europaparlament. „Die Partei kriegen sie in Deutschland nicht mehr weg“. Und das ist ihm auch wichtig: „Wir werden beweisen, dass wir nicht in die rechte Ecke gehören. Und Sie können uns von morgens bis abends beobachten.“

Dabei lief längst nicht alles glatt für die junge Partei in den vergangenen Monaten. Beim Parteitag in Erfurt Ende März scheiterte Lucke mit dem Versuch, seine Position durch Satzungsänderungen weiter zu festigen. So unbestritten der Hamburger Wirtschaftsprofessor als Führungsfigur ist, Personalquerelen und Richtungskämpfe konnte er nicht verhindern.

Luckes Spezialität ist es, programmatisch keine allzu strengen Vorgaben zu machen. „Wir sind keine rechtspopulistische Partei“, sagt er immer wieder. Nur – so richtig aktiv hat er nicht verhindert, dass Wähler aus dieser Ecke für die AfD stimmen wollten. „Wir sind die wahren Europäer“ ruft er am Wahlabend“, fügt aber hinzu, dass die Steuerung der Sozialsysteme natürlich in deutscher Hand bleiben müsse.

Und dann gibt Lucke gleich einen Ausblick: „Wir werden nur mit denjenigen politischen Parteien zusammenarbeiten, die eine ähnliche Grundhaltung haben, kritisch gegenüber der gemeinsamen Währung, konstruktiv gegenüber der EU.“ Er erneuert die Absage an eine gemeinsame Fraktion mit Rechtsradikalen oder rechtspopulistischen Parteien, deutet aber eine Vereinbarung mit den britischen Konservativen an.

Erstmals, und das ist aus der Sicht der AfD das vielleicht wichtigste Ergebnis des Wahlabends, kann sich in Deutschland eine Partei rechts von der Union etablieren. Bei den 2014 noch anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen will die AfD in die Parlamente kommen. Das wäre dann ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Einzug in den Bundestag. 2013 wurde er nur knapp verfehlt.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Lucke in Siegerlaune: „Die AfD ist angetreten als neue Volkspartei“"

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  • "Mein Gott, sind Sie schlecht drauf.
    Ihnen muss ja nach den gestrigen Wahlergebnissen etwas quer sitzen."
    Natürlich liege ich falsch *g*, wie kann auch was anderes sein.
    Aber ich brauche kein Prophet zu sein, ich muss mir nur die Ergebnisse diese populistischen Parteien der letzten Jahrzehnte anschauen. Die sind sogar an Kommunalwahlen gescheitert, obwohl sie schon "drin" waren.
    Vielleicht mag es blauäugig sein, aber das eine europäische Tea-party kommen wird, daran glaub ich nicht wirklich.
    Eher macht GB wieder ein Commonwealth auf *g*

  • Q netshadow

    Mein Gott, sind Sie schlecht drauf.
    Ihnen muss ja nach den gestrigen Wahlergebnissen etwas quer sitzen.

    Nun lassen Sie doch die "neue Volks-"Partei AfD erst mal in die Gänge kommen. Ich emfinde die Aufbauarbeit dieser Partei seit ihrer Gründung vor 14 Monaten als beachtlich. Und sie hat bereits politsch Wirkung gezeigt, ohne in einem Parlament vertreten zu sein.
    Ohne die AfD hätte Merkel ohne GroKo alleine regieren können (wie furchtbar), ohne AfD wäre die FDP noch im Bundestag (noch schlimmer) (NAchweis für beide Behauptungen: siehe Wählerwanderung bei BTW2013 zur AfD).

    Aus Angst vor der AfD hat Seehofer den Herrn Gauweiler als Wadenbeißer mit AfD-Thesen reaktiviert und damit sich und der CSU ins Bein geschossen. Selbst Mutti verbreitet schon AfD-Thesen:" Die EU ist keine Sozialunion!" Auch die FDP stammelte etwas von "überbordende Bürokratie in Brüssel". All das nützte nichts, denn die Wähler wählten das Original = die AfD, die noch ihr Ohr am Volke hat. Was bei den Altparteien nicht mehr der Fall ist. Würden die Altparteien die seit Jahren schwelenden Ängste und Bedenken beim Souverän (beim Volk) zur Kenntnis nehmen und sich danach richten, wäre vieles anders gelaufen und wir bräuchten die AfD nicht. Die Merkelaner haben sich also die Schuld an der Existenz der AfD selbst zuzuschreiben.

  • Leider liegen sie !nachweislich! falsch, in diesem Sinne eine kleiner Hinweis: Schauen Sie sich bitte mal die Wahlanalysen an, insb. die Wählerwanderungen ... und im Idealfall berücksichtigen Sie dann diese Fakten in Ihrer Konklusion ...

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