Ludwig Erhard zur Euro-Krise
„Frechheit und Dummheit sind immer gepaart“

Zum ersten Mal äußert sich Ludwig Erhard ausführlich über die Euro-Krise, zur Inflationsgefahr und über die Verantwortung der Unternehmer. Ein fiktives Interview mit Original-Aussagen des Ordnungspolitikers.
  • 15

Handelsblatt: Herr Professor Erhard, was fehlt dem heutigen Europa, damit aus dieser Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft endlich ein Erfolg wird?

Ludwig Erhard: Im Englischen gibt es eine Sentenz, die da lautet: Stability begins at home. Das ist genau das, was uns in Europa fehlt.

Sie meinen deutsche Stabilitätskultur und südeuropäischer Schlendrian passen nicht zusammen?

Die Beteiligung eines Landes an derartigen Gemeinschaften wie der Gemeinschaft aller Europäer macht auf dem Felde der Finanz- und Wirtschaftspolitik ein ganz bestimmtes Verhalten dieses Staates erforderlich. Ein Mitgliedsland kann nur dann zur Integrationsreife gelangen, wenn es gewillt ist, seine innere Ordnung nicht nur herzustellen, sondern diese auch unverrückbar zu bewahren.

Als Bundeskanzler hatten Sie es in der Hand, die Südstaaten Europas zu domestizieren. Erinnern Sie sich noch?

Ich weiß, worauf Sie anspielen. Bei seinem Bonner Besuch im Jahre 1964 schlug mir Frankreichs Staatspräsident de Gaulle vor, unsere beiden Länder so eng zu vereinen, dass sie Europa beherrschen könnten und sich nicht mehr um die kleinen Staaten kümmern müssten. Ich habe das abgelehnt, ich fand das unzumutbar.

Und Sie würden nach wie vor sagen, Europa ist eine gute Idee, trotz der aktuellen Schwierigkeiten?

Ich glaube, wir alle können nur gewinnen, wenn die Grenzen zwischen den Staaten allmählich, aber sicher niedersinken. Man macht es sich allerdings zu leicht, wenn man glaubt, zur Europapolitik gehöre lediglich der gute Wille.

Nun versucht die internationale Staatengemeinschaft, die Griechen, unser europäisches Sorgenkind, zu einer Politik des Sparens und Verzichtens zu zwingen. Ist das in Ihrem Sinne?

Niemand kann mir nachsagen, dass ich je Vokabeln verwandt habe wie „den Leibriemen enger schnallen“, „entsagen und entbehren müssen“. Solche Heilmittel sind mit meiner wirtschaftspolitischen Grundauffassung nicht in Einklang zu bringen. Der Erfolg unserer Wirtschaftspolitik bestand immer darin, dass wir den Durchbruch nach vorne, das heißt also in der Expansion, gesucht und gefunden haben.

Kommentare zu " Ludwig Erhard zur Euro-Krise: „Frechheit und Dummheit sind immer gepaart“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Sehr, sehr gutes Interview. Mit anderen Worten, eigentlich alles schon dagewesen.

  • Lieber guter alter Mann mit Pfeife, erscheine Mutti im Traum und sage ihr das was du mir eben gesagt hast und nehme ihr die Angst.

    Danke!

    Guter Artikel

  • Ludwig hat gefordert, dass wenn einmal Unternehmen (das sind heute die Banken), die die Politik beherrschen, verstaatlicht werden müssen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%