Luftabwehr
Türkei sucht Schutz vor iranischen Raketen

In der Türkei wächst die Sorge vor einer militärischen Eskalation des Atomstreits mit Iran. Die Regierung in Ankara will deshalb die bisher vernachlässigte Luftabwehr stärken. Zugleich bemüht sich die Türkei, Teheran zum Einlenken zu bewegen.

ANKARA. Ein Komitee unter Vorsitz von Ministerpräsident Tayyip Erdogan gab Ende vergangener Woche grünes Licht für die Beschaffung neuer Ra-keten-Abwehrsysteme, bestätigten jetzt Kreise des türkischen Verteidigungsministeriums. Geplant ist der Kauf von zunächst vier Abwehrbatterien, die dem Schutz strategisch wichtiger Objekte vor feindlichen Boden-Boden-Raketen dienen sollen. Die Staudämme und Wasserkraftwerke an Euphrat und Tigris in der Südosttürkei, aber auch die Hauptstadt Ankara und die Wirtschaftsmetropole Istanbul liegen innerhalb der Reichweite iranischer Raketen des Typs „Shahab 3“ (Sternschnuppe).

Die Stärkung der Raketenabwehr gehöre zu den Prioritäten des seit August 2005 amtierenden neuen türkischen Luftwaffenchefs General Faruk Comert, heißt es unter Verteidigungsexperten in Ankara. Bereits nach dem ersten Golfkrieg 1991 und erneut Ende der 90er Jahre forderte die Luftwaffe die Beschaffung moderner Raketenabwehrsysteme. Damals scheiterte das aber an finanziellen Engpässen und anderen Rüstungsprioritäten. Weil die türkischen Streitkräfte nicht über eigene Abwehrsysteme verfügen, stellte die Nato während des Golfkriegs 1991 und während der US-Invasion in Irak 2003 der Türkei zeitweilig Patriot-Luftabwehrbatterien zur Verfügung. Sie wurden in der Osttürkei stationiert. Die türkische Militär-Beschaffungsbehörde SSM prüft jetzt die Bestellung einer weiter entwickelten Patriot-Version, der PAC-3.

Die Kosten für die Beschaffung der vier Batterien werden auf rund eine Mrd. Dollar veranschlagt. Über Einzelheiten der Finanzierung ist noch nicht entschieden. Ministerpräsident Erdogan soll dem türkischen Generalstabschef Hilmi Özkök jedoch versichert haben, er werde persönlich für eine zügige Bereitstellung der Mittel sorgen.

Parallel zu den Rüstungsplänen bemüht sich die Türkei um eine diplomatische Lösung des Atomstreits. Erdogan appellierte bereits mehrfach an Teheran, eine „maßvolle und vernünftige Haltung“ zu zeigen. Die zivile Nutzung der Atomenergie sei zwar „ein natürliches Recht“, die Entwicklung nuklearer Massenvernichtungswaffen aber „nicht akzeptabel“. Der Sprecher des Außenministeriums, Namik Tan, mahnte die „iranischen Freunde“, die verbliebenen Möglichkeiten einer diplomatischen Beilegung „gut zu nutzen“. Die Türkei habe ein „vitales Interesse“ an einer friedlichen Lösung.

Iran ist größter Rohöl- und zweitwichtigster Erdgaslieferant der Türkei. Das Volumen des bilateralen Handels hat sich seit dem Jahr 2000 auf inzwischen vier Mrd. Dollar vervierfacht. Käme es zu einer militärischen Eskalation, stünde die Regierung in Ankara vor einer ähnlich schwierigen Situation wie Anfang 2003. Damals wollten die USA mit mehreren zehntausend Soldaten über die Osttürkei nach Irak einmarschieren, wogegen das türkische Parlament aber Einspruch erhob. Das führte zwischen Ankara und Washington zu schweren Irritationen, die bis heute nicht ganz behoben sind.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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