Luftangriff bei Kundus
Bundeswehr wollte mehr Bomben abwerfen lassen

Sechs statt zwei Bomben sollten auf die Tanklastzüge niedergehen – die US-Kampfpiloten widersprachen: Laut eines Medienberichts soll die Bundeswehr bei dem folgenreichen Luftangriff in Afghanistan ursprünglich mehr Bombenabwürfe angefordert haben als letztlich geschehen. Demnach haben die Piloten den Einsatzauftrag mehrmals hinterfragt und andere Maßnahmen vorgeschlagen.
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HB BERLIN. Die Bundeswehr in Afghanistan soll nach „Spiegel“- Informationen ursprünglich mehr Bombenabwürfe auf zwei von Taliban gekaperte Tanklastzüge angefordert haben als letztlich geschehen. Der Fliegerleitoffizier des deutschen Oberst Georg Klein habe sechs Bombenabwürfe verlangt, berichtet das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ unter Berufung auf Auszüge aus dem NATO-Abschlussbericht. Die Besatzung der US-Kampfjets vom Typ F-15 habe aber widersprochen. Es seien nur zwei Bomben nötig. Bei dem Angriff vom 4. September waren bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt worden, darunter auch Zivilisten. In einem früheren Bericht hieß es dagegen, die US-Piloten hätten stärkere Bomben einsetzen wollen.

Die US-Piloten haben nach „Spiegel“-Informationen den Angriff auf das Ziel bei Kundus stärker hinterfragt als bisher bekannt. Sie hätten nicht nur einen oder zwei warnende Tiefflüge vorgeschlagen, sondern fünf. Der deutsche Fliegerleitoffizier habe letzteres abgelehnt und verlangt, das Ziel sofort anzugreifen. Die „Washington Post“ berichtete am 6. September, die US-Piloten hätten Bomben mit größerer Zerstörungskraft einsetzen wollen, was wiederum vom deutschen Kommando abgelehnt worden sei.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte am Donnerstag seine Bewertung des Luftangriffs korrigiert, weil ihm nach eigenen Angaben wichtige Informationen über den Vorfall vorenthalten worden waren. Im Gegensatz zu seiner Stellungnahme von Anfang November bezeichnete der Minister das Bombardement als „militärisch nicht angemessen“. Gegen Oberst Klein ist derzeit ein Verfahren bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe anhängig. Die Behörde muss klären, ob Klein mit seinem Befehl gegen Völkerstrafrecht verstoßen hat.

Unterdessen meldete sich der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu Wort. Steinmeier schließt nicht aus, dass dem Auswärtigen Amt wichtige Informationen zu dem Luftangriff vorenthalten wurden. Dies müsse der Untersuchungsausschuss genauso klären wie die Frage, was das Kanzleramt wann wusste, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende der „Welt am Sonntag“ (WamS). Dem Auswärtigen Amt sei der Feldjägerbericht zum Hergang des Angriffs auf die zwei Tanklastwagen nahe Kundus erst am 27. November zugestellt worden. Bei dem von einem deutschen Oberst angeordneten Luftangriff vom 4. September waren bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt worden.

Die Unionsfraktion will im geplanten Untersuchungsausschuss zum Luftangriff in Afghanistan auch Steinmeier vernehmen. „Wir werden den früheren Außenminister im Untersuchungsausschuss befragen, was er und das Auswärtige Amt wussten“, kündigte Fraktionschef Volker Kauder (CDU) in der „Passauer Neuen Presse“ (Samstag) an. „Die restlose Aufklärung verlangt auch nach einer Beantwortung dieser Frage. Schließlich ist für die Auslandseinsätze der Bundeswehr das Auswärtige Amt ebenso zuständig wie das Verteidigungsressort.“

Nach Angaben von Steinmeier hat die damalige Bundesregierung früh mit möglichen Opfern gerechnet. „Wir alle wussten, dass es viele Opfer gab“, sagte der SPD-Politiker der „WamS“. Er sei damals weder gegenüber dem Parlament noch in der Öffentlichkeit mit der Gewissheit aufgetreten, dass keine Zivilisten ums Leben gekommen seien. „Ich war damals schon der Überzeugung, das habe ich auch gesagt, dass der Luftschlag nicht irgendein Zwischenfall war und wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können.“

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  • Die Tatsache, dass seitens der bundeswehr ein erheblich schärferer Einsatz von bomben gefordert wurde, beweist mir, dass die bundeswehr ganz offensichtlich nach dem Tod von drei deutschen Soldaten den Taliban die Tanklastwagen als Köder zugeführt hat, denn diese waren ja wohl nicht sachgerecht gesichert gegen Entführung. Man wollte den Taliban in soldatischer Rittmeistermanier "mal ordentlich zeigen, was eine Harke ist". Der Fehler war, dass die Tankwagen auf der Sandbank versanken und so die Zivilbevölkerung anlockten, ohne das die bundeswehr dies bemerken konnte, da ihre Aufklärer wohl nicht ganz vor Ort waren.

  • in dem Fall haben die amerikanische Piloten ganz klar den befehl verweigert. Warum stehen sie nicht vor Gericht? Das wäre wohl im ersten Schritt zu klären. Vorschläge von Soldaten zum Waffeneinsatz ja, aber klare befehle des verantwortlichen Offziers abzulehnen ist nicht hinnehmbar und hätte ebenso den Tod der bodeneinheiten zur Folge haben können.
    Wenn das so durch geht, kann man den deutschen Soldaten nur empfehlen: Macht es ebenso. Kommt zurück. Vergesst die Anordnungen schwammiger Poliktiker, die sowieso nie hinter euch stehen und bestenfalls schnell zurücktreten wenns Probleme gibt, denn es jedes Leben ist einfach zu schade für das berliner Parteiengeküngel.
    Sollen doch die Amerikaner mit dem Dreck alleine fertig werden den sie in den 80-igern angefangen haben.
    Wie dumm oder hinterfotzig können Poliker sein, der Öffentlichkeit einen humanen oder gerechten Krieg einreden zu wollen, oder hat man bereits tatsächlich Munition entwickelt die zwischen Taliban und Unschuldigen unterscheiden.
    Was hatten die Unschuldigen zu diesem Zeitpunkt da eigentlich zu suchen?
    Die bedeutung des Wortes Krieg scheint deutschen Politikern ebensowenig klar zu sein wie seine Nebenwirkungen.
    Deutscher Soldat. Was für ein beruf. Für die Verbündeten Toiletten bauen oder mit einem bein im Knast.
    Es gäbe für Deutschland weltweit genug und wichtigere Einsatz- und interventionsplätze als Frau Merkels amerikanischen Freunden zu helfen den Dreck wegzuräumen.
    Es gibt nur sehr wenige Ereignisse die Deutschland weltweit mehr Ansehen eingebracht als Herrn Schröders Nein zum irak-Krieg.



  • ein klarer fall von befehlsverweigerung ! sind 6 abwürfe verlangt worden, haben auch amerikanische flugzeuge sie abzuwerfen !!! nicht klein sollte sich verantworten müssen sondern die piloten der amerikanischen flugzeuge !!!

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