Luftangriffe in Israel
„Wir werden hier noch verrückt“

Von Tag zu Tag gehen mehr Raketen auf die israelische Stadt Sderot nieder. Mehrmals am Tag kommt ein Raketen-Frühwarnsystem zum Einsatz. Die Bewohner fordern harsche Lösungen im Umgang mit Palästinensern. Nur ein hartes Durchgreifen im Gazastreifen könne den Raketenhagel unterbinden, sind sie überzeugt.

SDEROT. Adriana Katz ist es gewohnt zu helfen. Seit zwölf Jahren steht die Psychiaterin den Menschen in der israelischen Stadt Sderot bei, wenn sie von quälenden Erinnerungen, von Albträumen, Schlafstörungen oder Panik-Attacken geplagt zu ihr in die Klinik kommen. Und solche Patienten sind zahlreich in der Stadt, die nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt ist und seit sechs Jahren mit dem Terror aus der Luft lebt.

Jetzt ist die 59-jährige Adriana Katz selber ein Fall für den Psychiater, weil sie die permanente Angst vor neuen Anschlägen erschöpft hat. 4 500 Kassam-Raketen seien in den vergangenen sechs Jahren in Sderot eingeschlagen, sagt Bürgermeister Eli Moyal. Die Folgen: Dutzende von Verletzten, neun Tote. Zuletzt wurde Anfang dieser Woche eine Frau durch eine Rakete tödlich getroffen. Und jeder muss befürchten, der Nächste zu sein.

Der Dauerstress habe bei ihr zu hohem Blutdruck und Diabetes geführt, sagt Adriana Katz. Die Angst vor dem nächsten Treffer raube inzwischen auch den Menschen, die eigentlich ganz robust seien, die Kraft. Und bei jedem Angriff könnte es erneut Dutzende von Toten und Verletzten geben. Nur ein Wunder habe das bisher verhindert, sind viele in Sderot überzeugt.

Doch jetzt eskaliert der Zermürbungskrieg. Mehr als 160 Raketen sind in den vergangenen Tagen im westlichen Negev niedergegangen, viele in Sderot. Mehrmals am Tag kommt ein Frühwarnsystem zum Einsatz: „Roter Alarm, roter Alarm“, schallt es dann aus den Lautsprechern. Viel Zeit bleibt den Menschen aber nicht, sich in Sicherheit zu bringen – höchstens 30 Sekunden. Denn die Abschussrampen im Gazastreifen sind nah. Und die Raketen kommen in der Regel nicht einzeln, sondern paarweise oder im Dreierpack und im Abstand von nur wenigen Sekunden.

Katz weiß, dass ihre Hilfe für die stressgeplagten Einwohner oft lebensnotwendig ist. „Ich bin mir aber nicht sicher, wie effektiv die Unterstützung ist“, sagt sie. „Wenn die Patienten die Klinik verlassen, sind sie neuen Angriffen ausgesetzt. Bei der Behandlung muss ich dann wieder von vorne anfangen.“

Diese Woche hat die Regierung wegen der anhaltenden Raketenangriffe den Ausnahmezustand im Süden des Landes verhängt. Damit ist der israelischen Armee die Polizeigewalt übertragen worden. Sie kann nun im Notfall öffentliche Einrichtungen schließen und Straßen sperren. Vor allem verspricht die Regierung jetzt, alle Wohnungen mit einem Schutzraum auszustatten. Bis das Ziel umgesetzt ist, werden aber noch Monate vergehen.

Sderot hadert daher mit der Regierung in Jerusalem. Obwohl die Stadt seit sechs Jahren immer wieder mit Kassam-Raketen angegriffen wird, habe der Staat nichts unternommen, um sie zu schützen, meint Larissa, die Mitte der 90er-Jahre aus der Ukraine nach Israel gekommen ist. Die Altenpflegerin hat inzwischen die Hoffnung aufgegeben, dass man ihre Probleme in Jerusalem ernst nimmt.

Am liebsten würde sie Sderot verlassen, an einem sicheren Ort leben, damit ihr Sohn Valérie wieder draußen spielen könne, statt rund um die Uhr in der Wohnung auszuharren, weil es draußen zu gefährlich ist. Der Wegzug scheitere jedoch am Geld: „Wer ist heute bereit, eine Wohnung in dieser Stadt zu kaufen?“

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