Machtwechsel
Japan steht vor politischem Umbruch

Japan steht kurz vor dem Machtwechsel: Die Liberaldemokratische Partei (LDP), die das Land seit über 50 Jahren fast ununterbrochen regiert, droht bei den Wahlen Ende August ihre Mehrheit zu verlieren. Wahlgewinner könnte die Demokratische Partei Japans werden. Die japanische Bürokratie fürchtet bereits die Reformpläne der Demokraten.

TOKIO. Die bevorstehende Wahl einer neuen Regierung Ende August in Japan sorgt für Unklarheiten über die politische Zukunft des Landes – bei den Bürgern, vor allem aber bei den Beamten. Denn der voraussichtliche Wahlgewinner, die Demokratische Partei Japans (DPJ), plant eine Reform der Ministerialbürokratie. Die Demokraten wollen hundert Parlamentarier auf Schlüsselpositionen in die Ministerien schicken und die Anhänger des gegnerischen Lagers durch eigene Leute ersetzen – auch wenn Spitzenkandidat Yukio Hatoyama das nicht direkt ausspricht.

Die Wahl am 30. August hat deshalb für Japan dramatische Bedeutung. Seit über fünfzig Jahren haben die Wähler stets der Liberaldemokratischen Partei (LDP) den Vorzug gegeben. Sie regiert seitdem fast ununterbrochen. Doch diesmal liegt die Opposition in Umfragen deutlich vorn.

Die größte Fraktion ist zwar die der Nichtwähler, doch 40 Prozent der Wähler wollen die DPJ wählen. Nur 21 Prozent sprechen sich für die amtierende LDP aus, wie eine aktuelle Umfrage der Tageszeitung „Asahi“ zeigt. Nun müssen sich auch erstmals die Beamten auf eine neue Lage einstellen. „Bisher reichte es, mit der LDP in Kontakt zu sein. Jetzt müssen wir rasch auch Drähte zur DPJ legen“, sagt ein Beamter des Finanzministeriums. „Vor allem oben in der Hierarchie fangen alle plötzlich an, ganz neue Venen anzustechen“, drückt es ein anderer Beamter aus. Die hektische Aktivität zeigt, wie fest die Spitzenbeamten an den Regierungswechsel glauben.

Erstmals ist es diesmal das Volk, das einen Wechsel wünscht und den Demokraten damit zu besonderem Selbstbewusstsein gegenüber der Elitebürokratie verhilft. „Sicher wird das Auswirkungen auf unsere Karrieren haben, es weiß aber keiner, welche“, sagt der Beamte des Finanzministeriums. Die unteren Ränge hängen über Seilschaften mit Kollegen in höheren Positionen zusammen. Wenn die DPJ dort auskehrt, könnte das manche Hoffnung auf Beförderung zerstören.

Unklar ist auch, wo die hundert Abgeordneten hin sollen, die Hatoyama in die Ministerien schicken will. Sollen sie vorhandene Beamte ersetzen? Oder doch nur ergänzen? Vielleicht scheitert die Idee auch an der Realität und erweist sich als falsches Versprechen. „Wir haben keine Ahnung“, so der Beamte.

So viel Demut ist neu im Regierungsviertel Kasumigaseki nördlich des Kaiserpalasts im Herzen Tokios. Noch in den 80er-Jahren regierten Elitebeamte das Land nach eigenem Gutdünken.

Seite 1:

Japan steht vor politischem Umbruch

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%