Macron in Lyon: Einladung an alle US-Wissenschaftler

Macron in Lyon
Zwischen Rockkonzert und Kirchentag

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Einladung an alle US-Wissenschaftler

Die größte Begeisterung löste der Linksliberale bei seinen Zuhörern aus, als er eine Einladung an alle US-Wissenschaftler formulierte, die unter Trump in Misskredit geraten: „Ich rufe allen, die gegen den Obskurantismus kämpfen, die für den Klimaschutz oder erneuerbare Energie forschen, zu: Ab Mai habt ihr in Frankreich eine neue Heimstatt!“

Auch mit seinem Bekenntnis zu Europa euphorisierte Macron die tausende Zuhörer in der Sporthalle. Seine Meetings sind die einzigen in Frankreich, bei denen man nicht nur die Trikolore, sondern zahlreiche Europafahnen sieht. „Einige wollen Frankreich von Europa trennen, andere sind für Europa, aber nur an den Tagen, an denen es ihnen gefällt.“ Ironisch zitierte der Kandidat einen französischen Adligen der frühen Neuzeit, der aus dem Krieg heimkehrt und seine Frau fragt: „Warst Du mir treu?“ und die antwortet: „Oft“. So sei es auch mit den lauwarmen Europäern, seine Bewegung dagegen werde „Europa immer treu sein, wir werden nicht die Verträge zerreißen, die wir selber geschrieben haben.“

Als einer der wenigen französischen Politiker bezieht Macron sich positiv auf Deutschland. Das französische Motto der Brüderlichkeit gelte auch in der EU, „einige Länder haben sie unter Beweis gestellt, vor allem Deutschland“, stellte er unter Anspielung auf die Flüchtlingskrise fest. Es sind solche Bemerkungen, die dem Mainstream der französischen Politik völlig zuwiderlaufen, die zeigen: Der jugendlich wirkende Kandidat geht nicht den Weg des geringsten Widerstands.

Ende des Monats will er sein durchgerechnetes und mit Zahlen unterlegtes Programm vorstellen. Auch wenn er derzeit in den Umfragen sehr gut abschneidet: Sicher ist ihm der Erfolg noch lange nicht. Die Demoskopen wollen bei Macron sehr viel mehr noch schwankende Wähler feststellen als etwa bei Marine Le Pen. Er muss seine Bewegung, die nicht einmal ein Jahr alt ist, in atemberaubendem Tempo konsolidieren. 170 000 Mittreiter habe er bereits, behauptete am Samstag der Bürgermeister von Lyon Gérard Collomb.

Gegenwärtig ist Macron mit seiner Bewegung „En Marche!“ dabei, Kandidaten für die Parlamentswahl im Juni aufzustellen, die auf die Präsidentschaftswahl im Mai folgt. Es gebe zu wenig Frauen, stellte er am Samstag selbstkritisch fest, „wenn das so bleibt, würden wir nur die aktuelle Zusammensetzung der Nationalversammlung wiederholen, die aber nicht der französischen Gesellschaft entspricht“, warnte er – und forderte Frauen auf, klassische Rollenmuster zu überwinden und sich zu einem Engagement durchzuringen.

Macron als unbelasteter Hoffnungsträger passt zu einer historischen Situation in Frankreich, in der das gesamte politische System in einer Legitimationskrise steckt und die Menschen nach neuen Lösungen suchen. Doch 77 Tage vor der Wahl ist deren Ausgang noch völlig offen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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