Mafiagewalt in Sao Paulo
„Brasilien droht Spaltung wie in Bürgerkriegsländern“

Brasiliens jüngste und brutalste Gewaltwelle ist zwischen die Mühlen des Wahlkampfes geraten: Regierung und Opposition versuchen sich den schwarzen Peter für das Chaos in der Wirtschaftsmetropole São Paulo gegenseitig zuzuschieben. Tatsächlich zeigt die Gewaltwelle, wie groß die Macht der organisierten Kriminalität in Brasiliens Gesellschaft inzwischen ist.

SAO PAULO. Als in der Nacht zum Sonntag immer mehr Busse mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt wurden, als Dutzende von Polizeistationen und Streifenwagen von MP-Salven durchlöchert wurden und die Zahl getöteten Polizisten stündlich stieg - da zog sich Claudio Lembo, der Gouverneur São Paulos zurück in die Kirche. Er werde für die Opfer beten, verkündete er. Als am Sonntag immer noch Bankfilialen in Brand aufgingen, Feuerwehrleute getötet und in 73 Gefängnissen Rebellionen mit über hundert Geiseln stattfanden - da lehnte der Gouverneur die angebotene Hilfe aus Brasilia ab: "Alles unter Kontrolle" - lautete es dankend aus dem Gouverneurssitz. Man brauche weder die Hilfe des Militärs noch zusätzliche Polizeieinheiten.

Präsident Lula - gerade aus Wien vom Eu-Gipfel zurückgekehrt - erklärte die Sicherheitsprobleme für Angelegenheit der Bundesstaaten und Präfekturen. Der Präsident, der im Oktober wieder gewählt werden will, vermied es aber tunlichst, in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Die fehlende öffentliche Sicherheit in Brasilien ist eines der wenigen Themen, bei denen seine Regierung in Umfragen schwach abschneidet. Geraldo Alckmin, sein Gegenkandidat war bis vor kurzem noch der Gouverneur São Paulos. Die seit Beginn seiner Amtszeit vor vier Jahren sinkende Mordrate in São Paulo sollte sein wichtigstes Argument im Wahlkampf werden. Verständlich, dass sich auch Alckmin nun nicht in der Öffentlichkeit zeigen wollte und seinen betenden Vize im Regen stehen ließ.

Die Macht der organisierten Kriminalität in Brasiliens Gesellschaft ist groß. Normalerweise bekommen das die wenigsten mit, denn die legalen und illegalen Gesellschaften leben in einer Symbiose und die Bevölkerung hat sich mit der jährlich zunehmenden Kriminalität mehr oder weniger resigniert abgefunden. Auslöser der bürgerkriegsähnlichen Szenen war die Verlegung von 756 Häftlingen in einer Hochsicherheitsgefängnis im Westen des Bundesstaates São Paulos. Die Insassen sollen dem Primeiro Comando da Capital (PCC), dem "Ersten Kommando der Hauptstadt" angehören, einer Gefängnisorganisation, die sich in den letzten Jahren in den Haftanstalten gebildet hat.

Die Organisation entstand ursprünglich zum Selbstschutz der Häftlinge, nach dem in den neunziger Jahren Rebellionen in den Justizanstalten mehrfach durch Polizeigewalt brutal niedergeschlagen wurden. Heute agiert das PCC ähnlich wie die italienische Mafia mit Druck und Gewalt - jedoch von den Gefängnissen aus, welche den Banditen Schutz bieten. Per Handy organisiert der Kern des PCC Banküberfälle und Morde von den Zellen aus. Ehemalige Häftlinge in Freiheit bezahlen für den erhaltenen "Schutz" während ihrer Haftzeit - mit Geld, Auftragsmorden oder sonstigen Hilfsaktionen für die Organisation. Dennoch bezweifelt etwa der Gewaltexperte Guaracy Mingardi, dass das PCC alleine verantwortlich ist für die Gewaltwelle: "Hinter dem PCC verstecken sich verschiedene Drogenbanden in und außerhalb der Gefängnisse."

Für die heutige Abgeordnete und ehemalige Staatsanwältin Denise Frossard, die vor Jahren im Alleingang die Glückspielkönige Rio de Janeiros hinter Schloss und Riegel brachte, sind der Zeitpunkt der Gewaltaktionen eine "strategische Entscheidung" der Banditen: "Das organisierte Verbrechen nutzt die Chance, um wahrgenommen zu werden - ohne einen funktionierenden Widerstand befürchten zu müssen." Die Gewaltspezialistin Alba Zuluar aus Rio de Janeiro sieht in den Aktionen mittelfristig die Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft in Brasilien wie in Bürgerkriegsländern Kolumbiens oder früher Peru: "Es wird nicht mehr lange dauern, bis das PCC eine ähnliche linke Ideologie übernehmen wird, wie es Guerillas in Südamerika mache, um ihren Drogenhandel und Kidnappings zu rechtfertigen."

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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