Die letzte konservative Ikone

Maggie Thatcher wurde 87
Die letzte konservative Ikone

Kaum eine andere politische Persönlichkeit hat Großbritannien im vergangenen Jahrhundert so sehr den Stempel aufgedrückt wie Margaret Thatcher. Die „eiserne Lady“ überließ nichts dem Zufall - und scheiterte dennoch oft.
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LondonMargaret Thatcher gehörte zu den politischen Giganten des 20. Jahrhunderts, aber im Gedächtnis bleiben Bilder der Niederlagen, des Abschieds und Verfalls. In den letzten Jahren war sie kaum noch in der Öffentlichkeit zu sehen. Gelegentlich sah man die legendäre Premierministerin als gepuderte alte Dame, unsicher auf den Beinen. Der Film „Eiserne Lady“ mit Meryl Streep zeichnete den Verfall der einst Mächtigen auf. Nun ist die 87-Jährige in Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

Aber in dem Maße, in dem sie als lebende Person von Vergänglichkeit und Ferne gezeichnet war, wuchs ihr historisches Ansehen. Nachdem Großbritannien nach 13 Jahren Labourregierung durch die Bankenkrise in eine schwere Schuldenkrise gerutscht war, wurden ihre Grundüberzeugungen, besonders ihr Gespür für die Grenzen des Staates, mit neuer Intensität diskutiert. Die Debatte, ob ihre Reformen in den Achtziger Jahren Großbritannien vor dem Ruin retteten oder vielmehr die industrielle Basis des Landes und mit ihr soziale Kohäsion zerstörten, wird heute so heiß geführt wie vor zehn Jahren.

Nur das Thatcher selbst, die Erfinderin von „Power Dressing“, die als erster britischer Politiker einen Imageberater hatte und in Kommunikationsfragen nie etwas dem Zufall überließ, schon lange nicht mehr eingreifen konnte.

Als sie am 28. November 1990, nach mehr als elf kontroversen Amtsjahren, die Downing Street Nummer 10 verließ, schimmerten in den der Fotografen ihre Tränen auf. Sie war von ihrer eigenen Partei durch einen Putsch entmachtet worden. Wie ein Schulmädchen biss sie sich auf die Lippen, um Haltung zu wahren. In diesem Bild begann der Mythos vom Meuchelmord an Thatcher, der die Konservativen in jahrelange Streitigkeiten und Komplexe stürzen sollte.

Thatchers letzter großer Auftritt auf der Weltbühne war die Beisetzung ihres politischen Partners Ronald Reagan im Juni 2004, mit dem sie die Jahre vor dem Fall des Kommunismus und der Berliner Mauer, „die acht wichtigsten Jahre in unser aller Leben“, eng zusammenarbeitete. Thatcher sprach auf einem voraufgenommenen Video und lauschte sich selber in der Kirche. „Er hatte feste Prinzipien – und die richtigen, wie ich glaube. Er erklärte sie klar und folgte ihnen in seinem Handeln voller Entschlusskraft“, sagte sie. Es war klar, dass sie damit auch sich selbst beschrieb.

Kommentare zu "Die letzte konservative Ikone"

Alle Kommentare
  • Dr Dip: Soviel "sozialist." Unsinn gabs in England gar nicht. Harold Wilson u. kurzzeitig Callaghan waren Pragmatiker. Die hohen Subventionen der Autoindustrie waren aber nicht zu halten, ganz recht (vergleichbar der Kohlesubvention bei uns). Während unter Blüm und Kohl Arbeitslose neue Qualifikationen etc. erwerben konnten, gehörten in GB plötzl. Millionen zum alten Eisen, wurden verschrottet.
    Den Krieg um die Malvinas sehe ich anders als Osterwelle. Da gab es eine stramme Diktatur, riesige Wellen von Entlassungen, Verzweiflung, Tote in den Gefängnissen - und in Argentinien unter Videla verhielt es sich genauso. Außerdem standen Wahlen an, als Maggie die 5000 Seelen mit Migrationshintergrund im Südatlantik einfielen.
    Staatliche Wohnungspolitik befürworte ich, unter strenger Kontrolle; ohne den Berliner Bankenskandal (von CDU/SPD) wäre in Bln. z.B. das Geld dagewesen, um den sozialen Wohnungsbau aufrechtzuerhalten. Seine Abschaffung macht vielen Familien das Leben schwer, Mieten von 1400 Euro in ehemal. Sozialwhg. für alteingesessene Türken, die ihr Leben schwer geschuftet haben, sind keine Seltenheit. Großverdiener brauchen den Staat nicht. Für die weniger Betuchten sind nichtstaatl. Genossenschaften ein besseres Modell, aber ohne Subventionen können sich Geringverdiener Neubauten mit guten Energiestandards heute kaum leisten - und auch die brauchen ein Dach über dem Kopf.

  • Es sei „kein freudiger, sondern ein gefährlicher Moment“, vertraute sie Präsident Mitterand an, mit dem sie die Furcht vor einem neu erstarkenden Deutschland teilte.
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    So Maggie damals zur Einheit.
    Ob sie noch mitbekommen hat, dass weniger das Erstarken Deutschlands stattgefunden hat, als eine neu Hinwendung zum Sozialismus?

  • DoktorDip
    sehr gut beschrieben

  • Herr Doktor Dip: hat sich dann aber vergaloppiert in Prinzipienreiterei und Besserwisserei (Falkland-Krieg....

    also wäre es nach Ihnen besser, den brutalen Gewaltakt eines Diktators auf fremden Territorium zu akzeptieren und der ganzen Welt zu sagen: "Ja wohl, wir siedeln zwar da, breit und weit kein Argentinier, aber weil Herr General Galtieri mit seiner Soldateska meint, unsere Inslen gefallen ihm sehr und er möchte sie haben, dann ist es so richtig und wir ziehen ab...eventuell schicken wir ihm (nach EU-Prinzip) noch ein Paar Milliarden zu, damit er sein Militärakt auch noch bezahlen kann." ? Wäre das besser? Dann gute Nacht!

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Ich habe eine Biografie über sie gelesen, daher erlaube ich mir eine Einschätzung.
    Sie hat mit viel sozialistischem Unsinn aufgeräumt, hat sich dann aber vergaloppiert in Prinzipienreiterei und Besserwisserei (Falkland-Krieg und Trident-Atomraketenprogramm).
    Die Probleme der kaputten Industrie (British Leyland - eine Art "Opel"-Geldgrab Englands mit seinerzeit jährlichen Millionensubventionen seitens des Staates) waren schon vor ihrer Zeit da, sie musste die Party mit 20% Inflation und endlosen Subventionsorgien notgedrungen beenden. Dies hatte sie aber schon vorher entschlossen angekündigt.
    Die Förderung der Casinostätte "City of London" in den 80ern war aber mit ihr größter Irrtum, die Börsengänge der Staatsunternehmen waren prinzipiell jedoch richtig.
    Dass der Staat keine Wohnungswirtschaft zu betreiben braucht, stimmt aber nach wie vor.

    Alles in allem bleibt das Bild einer entschlossenen Politikerin, die hier und da über ihre Entscheidungen vielleicht mal ein Wochenende in Ruhe hätte nachdenken sollen.

  • Gut, Kohl ist ein Kapitel für sich.
    Aber SDI war gut! Sogar sehr gut, SDI zwang letzlich die SU in die Knie, selbst wenn auch SDI nur eine Vision war. Schauspielerberuf ist übrigens ehrenwert und für echte und kompetente Politiker auch sehr passend. Sicher besser als z.B. Buchhändler ohne Abitur, Dachdecker oder Fließenleger. Aber auch alle die sind ehernwert. Man darf nicht auf linkspopulistische billigst Phrasen springen. Frau Thatcher hat viel mehr gesagt, als nur "Ich will mein Geld zurück". Im übrigen es hätte mir gut gefallen, wenn einmal auch ein deutscher Politiker gesagt hätte: "Ich will mein Geld zurück". Warum das wohl nicht passiert? Ist das Versenken von Geld in Sonderprojekten (EU+Euro) etwa kompetent. Geht es Ihnen heute besser als noch vor 20 Jahren? Ich sage, ich will mein Geld zurück!


  • Was sich hier alles konservativ schimpft. Thatcher hat Britanien deindustrialisiert, die Sozialsysteme ruiniert und Wohl und Wehe der Insel dem deregulierten Bankenkartell ausgeliefert. Weil das Finanzkapital keine überlieferten Werte hat ausser der Anbetung des Mammons (Moses hätte die alle hingerichtet), ist es auf fremde Federn angewiesen. Konservativ scheint eben doch von Konservendose zu kommen.

  • Wie Polly Toynbee sagte, 1979 galt jedes siebte Kind statistisch als arm, 1983, nach vier Jahren von "Maggie", schon jedes dritte Kind.
    Bis heute hat GB die Folgen ihrer De-Industrialisierung nicht überwunden; die Explosion von Hauspreisen und Mieten ist eine direkte Folge ihrer Liberalisierung.
    Allerdings war sie sehr clever: Zu anfänglich erschwinglichen Preisen gab sie die Wohnungen, die sich in öffentlicher Hand befanden, den Gesetzen des Marktes preis und verwandelte dadurch auch einen Teil der Arbeiterklasse in kleine Tories, die mit ihren Wohnungen zu spekulieren begannen (die Briten zogen im Durchschnitt alle 5 Jahre um, d.h. sie verkauften ihr Haus und kauften ein neues).
    Lehrer und Krankenschwestern können heute die hohen Preise Londons nicht mehr bezahlen.

    Ihre Krämerseele konnte das Land nur deshalb prägen, weil die britische Psyche dafür zu etwa einem Drittel bereit war (mehr benötigte man aufgrund des brit. Mehrheitswahlrechts nicht, eine Mehrheit der Bevölkerung hat nicht ein einziges Mal für sie gestimmt, manchmal waren es nur 20%).
    Die rechtsextreme, Deutsche und Franzosen hassende rassistische britische Presse, an ihrer Spitze Murdoch, haben immer für sie getrommelt.

    Der größte militärische Erfolg seit Alexander dem Großen - die Verteidigung des Südatlantiks gegen einen anderen Diktator - ist ihr ebenfalls zuzuschreiben. Am Ende aber waren selbst engsten Freunden die Dame "too much"; in einer Palastrevolte wurde sie von Heseltine und ihrem lange treuen Finanzminister entfernt.

    Ich erinnere mich an einen Arbeiter, der aus Protest gegen ihre Politik in der Downing Street Selbstmord begangen hat. Deshalb: RIP ist nicht ganz das im Moment bei mir vorherrschende Gefühl.

  • @bjarki)

    Auch wenn mein Herz am konservativen Platz sitzt, kann man jetzt nochmal drüber nachdenken, ob die drei genannten Politiker "kompetent" waren.

    Kohl = Blinder Euromantiker, ich konnte ihn 1998 nicht mehr sehen
    Reagan = Gelernter Schauspieler, der gerne hätte seine Hollywood-Geschichten auch real ausgelebt, Stichwort "SDI"
    Zur Eisernen Lady langt der Satz: "Ich will mein Geld zurück", der seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Sonderrolle der Inselbewohner steht, die meinen zwar an allem einen Vorteil haben zu müssen, sich bei den Pflichten allerdings gerne zurückhalten.

    Grundsätzlich gibt es wenig kompetente Politiker, das gilt leider auch für den Mitte-Rechts Bereich.

    Der kompetenteste (Merz) ist vom sprechenden Hosenanzug in die Wüste geschickt worden, wie alle anderen vor oder nach ihm, die hätte der Kanzlerin gefährlich werden können!

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