Maghrebiner erhalten immer seltener Touristen-Visa für Eltern und Freunde
Schotten dicht in Belgien

Im Café „Avenida“ am Brüsseler Süd-Bahnhof sitzen fast ausschließlich Männer aus Marokko. Aber die Stimme von Sfia Bouarfa übertönt sie alle. Die quicklebendige Senatsabgeordnete hat selbst marokkanische Wurzeln und diskutiert hier mit ihren Landsleuten. Immer wieder hört sie das Gleiche: Belgien lehnt mehr und mehr Touristen-Visa für Eltern und Freunde ab.

HB BRÜSSEL. „Viele haben ihre Familie schon seit Jahren nicht mehr gesehen, weil sie nicht nach Belgien kommen dürfen“, sagt die Abgeordnete. Nach Angaben eines Diplomaten, den sie nicht mit Namen nennen möchte, werden rund 90 Prozent der Touristen-Visa, also Papiere für einen Zeitraum von bis zu drei Monaten, von den Behörden abgelehnt.

Die offiziellen Zahlen sind nicht ganz so hoch. Freddy Rosemont, Direktor der Ausländerbehörde, spricht von rund 60 Prozent. Im Jahresbericht 2003 heißt es, von rund 40 000 Anfragen wurden 18 000 abgelehnt. „Das ist ein Anstieg von 54 Prozent im Vergleich zu 2002.“ Tendenz steigend. Von den deutschen Auslandsvertretungen wurden 2003 gerade einmal ein Zehntel aller Visa-Anträge abgelehnt.

Der belgische Staat wird strenger. „Die Behörden haben eine unheimlich große Angst, dass die Leute nach ihrem erlaubten Aufenthalt nicht mehr in ihr Heimatland zurück gehen und als Illegale bleiben“, sagt Julie Lejeune vom Zentrum für Chancengleichheit und Kampf gegen Rassismus. Schätzungen zufolge leben rund 100 000 Personen illegal in Belgien. Wie viele davon mit einem Touristenvisum gekommen sind, wissen die Behörden nicht.

Kein EU-Land will sich vorwerfen lassen, zu lax mit Visa-Anfragen umzugehen. Während in Deutschland die gesamte Gesetzgebung in der Kritik steht, geht es in Belgien vor allem um Einzelfälle. So vergab die Botschaft im bulgarischen Sofia in den späten 90er-Jahren mindestens 500 Touristenvisa, ohne die vorgegebenen Regeln einzuhalten. Der Konsul in Casablanca soll gemeinsam mit seinem marokkanischen Kollegen Visa verkauft haben. Der Marokkaner wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, der Belgier zurückbeordert.

Seite 1:

Schotten dicht in Belgien

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%