Maidan fordert Janukowitschs Kopf
Der fragile Frieden von Kiew

Nur einen Tag nach einem beispiellosen Blutbad in Kiew kehrt kurz die Hoffnung auf ein Ende von Hass und Gewalt zurück. Der Kompromiss weckt Hoffnung. Bis die Details bekanntwerden – dann schlägt die Stimmung abrupt um.
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KiewNach Tagen beispielloser Gewalt steht die leidgeplagte Ukraine vor den größten Umbrüchen ihrer jüngeren Geschichte. Neuwahlen, neue Regierung, neue Verfassung – Präsident Viktor Janukowitsch erfüllt seinen Gegnern so gut wie alle Wünsche. Das Parlament peitscht fast im Minutentakt Beschlüsse durch. Schließlich der Paukenschlag: Die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko soll freikommen.

Doch trotz aller Erfolge auf dem Papier ist das Volk auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan nicht zufrieden, sondern wütend und empört. Zehntausende schreien sogar die Oppositionsführer nieder, die den Kompromiss von Kiew mit Janukowitsch unter Vermittlung der EU ausgehandelt haben, und sich nun als Sieger präsentieren wollen.

„Schande für alle, die diesem Mörder die Hand gegeben haben!“, ruft die Menge empört, ein wütender Pfeiforkan trifft Vitali Klitschko und Co. Aufgebrachte Demonstranten in Kiew fordern am Abend den Rücktritt des Präsidenten innerhalb von Stunden. Bei einer Kundgebung mit drei Oppositionsführern auf dem Maidan übernimmt ein Regierungsgegner in Kampfmontur das Mikrofon und erklärt, bis 10.00 Uhr müsse Janukowitsch zurückgetreten sein. Andernfalls "greifen wir mit Waffen an", sagt er.

Der Staatschef soll die Hauptstadt laut Medienberichten inzwischen verlassen haben. Janukowitsch sei mit einem engen Kreis Vertrauter zunächst in die ukrainische Stadt Charkow geflogen, schreibt das Internetportal der Zeitung „Serkalo Nedeli“ unter Berufung auf Funktionäre. Auch andere Medien berichten darüber und berufen sich auf jeweils eigene Kontakte in der Präsidialverwaltung.

Dass sich die Protestler der Regierung nicht beugen, liegt auf der Linie von Ex-Regierungschefin Timoschenko, die stets gefordert hat, keinen Handel mit Janukowitschs „Bande“ einzugehen. Selbst aus der Haft heraus, so scheint es, hat sie die Massen im Griff.

Für ihre Anhänger ist Timoschenko eine Heldin, eine Märtyrerin, eine Ikone. Mit der bevorstehenden Rückkehr der beliebtesten Politikerin im Land, so meinen Kommentatoren, wird sich die politische Landschaft der Ex-Sowjetrepublik massiv verändern.

Schon jetzt ist der Hass auf den prorussischen Janukowitsch gewaltig. Ihm persönlich lasten zahlreiche Ukrainer die tödlichen Schüsse unbekannter Scharfschützen auf Demonstranten am Vortag an – ausgerechnet an dem Tag, an dem der 28 Toten bei den ersten schweren Zusammenstößen gedacht werden sollte.

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Noch immer ist das Volk in Aufruhr

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