Main Street, USA
Route 66: Eiswürfel im Kaffee, Stolz im Herzen

Der Mythos Amerikas hat einen Namen: die Route 66. Wir sind ihre 4000 Kilometer von Chicago nach L.A. gefahren, um Amerikas Puls vor der Präsidentschaftswahl zu fühlen. Es entstand das Porträt einer verängstigten Nation - Teil 2: Die Sorgen einer Mittelklassefamilie in Springfield, Illinois, vor dem sozialen Abstieg.
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SPRINGFIELD. Der Tag fängt schon schlecht an. Mal wieder. Don Martin wirft einen kurzen Blick in den Politikteil der Zeitung, liest die Überschriften: "Auf Steuerzahler kommen Milliardenbelastungen zu" und "Arbeitslosigkeit erreicht neuen Höhepunkt". Don legt die Zeitung zurück auf den Küchentisch und murmelt: "They screwed up, big time." Sie haben es vermasselt, die da in Washington und die da an der Wall Street auch.

Dann folgt das Wort: "Scheißdreck". Es ist eins der wenigen deutschen Wörter, die Don kennt. Er hat es lange nicht mehr benutzt und erst vor kurzem wieder aus seinem Hinterkopf gekramt. Nun ist noch ein weiteres deutsches Wort hinzugekommen, das man auch auf Englisch benutzt, "Angst": "Die Nachrichten machen einem Angst, ob die in Washington wissen, was sie tun."

Seine Frau Mary Rose greift sich die Zeitung, zündet sich eine ihrer geliebten Mentholzigaretten an, nimmt einen tiefen Zug und schüttelt beim Blick auf die Schlagzeilen den Kopf: "Wie konnte es in Amerika so weit kommen?"

Mary Rose und Don Martin sind meine amerikanischen Eltern. Sie leben in Springfield, der Hauptstadt von Illinois. Ein Jahr lang habe ich 1989/90 mit ihnen gelebt und die Highschool besucht. 16 war ich damals.

Seitdem habe ich sie immer wieder besucht. Mary Rose und Don sind die beiden US-Amerikaner, die ich am besten kenne. Ich habe miterlebt, welche Spuren die acht Jahre mit Präsident George W. Bush in ihrem Leben hinterlassen haben. Aus zwei Patrioten, die einst jede Kritik an ihrem Land wegdiskutierten, sind verunsicherte, von Sorgen geplagte Menschen geworden.

Mary Rose und Don stehen für Amerikas Mittelklasse, die stärker denn je einen sozialen Abstieg fürchtet. Sie stehen für das Gros der Wähler im Mittleren Westen, dem stolzen "Heartland" der USA.

Dass ich hier einmal landen würde, mitten in Amerika, das hatte ich mir nicht vorgestellt, als ich mich für ein Austauschjahr bewarb. Ich hatte an eine glitzernde Metropole an Pazifik oder Atlantik gedacht. Und dann das: "Springfield liegt in einer der fruchtbarsten Getreideanbauregionen Amerikas", schrieb mir Mary Rose in ihrem ersten Brief, ehe ich von zu Hause aufbrach.

"Abraham Lincoln, der 16. US-Präsident, hat hier gelebt, sein Haus zählt zu den wichtigen Sehenswürdigkeiten der Stadt", stand auch noch da (siehe: "Abraham Lincoln"). Und aus einem Lexikon erfuhr ich, dass Springfield an der Route 66 liegt - dieser Straße, die Schriftsteller wie John Steinbeck und Musiker wie Nat King Cole verewigt haben.

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