"Man braucht breite Schultern"
Blair will nicht wegen Selbstmord Kellys zurücktreten

Der britische Premierminister Tony Blair hat einen Rücktritt wegen Vorwürfen gegen seine Regierung im Zusammenhang mit dem Selbstmord des früheren Uno-Waffeninspektors David Kelly ausgeschlossen.

Reuters LONDON/SEOUL. „Man braucht breite Schultern für diesen Job...Ich habe sie“, sagte Blair am Sonntag in einem Interview des britischen Senders Fox News während seiner Ostasien-Reise in Japan. Blair wies zudem Forderungen der Opposition nach einer Parlamentssondersitzung in der Sommerpause wegen Kellys Tod und einem Abbruch seiner Asien-Reise zurück.

Die BBC teilte mit, Kelly sei die Quelle ihrer Reportage gewesen, in der der Regierung vorgeworfen wurde, Geheimdienst-Berichte über irakische Massenvernichtungswaffen aufgebauscht zu haben. Der Tod Kellys am Donnerstag hatte den Druck auf die Regierung im Streit um ihre Begründung des Irak-Kriegs massiv verstärkt.

Rücktrittsforderungen einiger radikaler Mitglieder seiner Labour-Partei wies Blair zurück. Allerdings akzeptiere er die Verantwortung, falls es zu einem Fehlverhalten von Regierungsmitgliedern gekommen sei. „Am Ende trage ich schließlich die Verantwortung für die Regierung“, sagte Blair. Zugleich mahnte er, auf die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchungskommission zu warten, die er nach dem Fund der Leiche des 59-jährigen Mikrobiologen am Freitag einberufen hatte. Kellys Tod stieß Blair noch tiefer in die größte Krise seiner politischen Laufbahn, seit er vor sechs Jahren das Amt des Premierministers übernommen hatte.

Kelly war der Polizei zufolge durch einen Schnitt am linken Handgelenk verblutet. Hinweise auf Fremdeinwirken gebe es nicht. In der Presse wurde das Verhalten der Regierung gegenüber den Irak-Experten scharf kritisiert. In den Streit um Belege für irakische Massenvernichtungswaffen, die zur Begründung des Irak-Kriegs dienten, wurde der Mitarbeiter des britischen Verteidigungsministeriums hineingezogen, als er zugab, ohne Genehmigung mit einem BBC-Journalisten gesprochen zu haben.

BBC: Kelly war die Quelle

Kelly sagte am Dienstag während einer Befragung vor dem Parlament, er sei vermutlich nicht die Hauptquelle für die Reportage. Die BBC erklärte dagegen am Sonntag: „Wir können bestätigen, dass er die Quelle war“. Die BBC sei der Ansicht, die Fakten genau interpretiert zu haben, die Kelly in dem Interview vorgelegt habe, hieß es in einer Erklärung des Senders. Die Verantwortlichen hielten es weiterhin für richtig, Kellys Angaben an die Öffentlichkeit gebracht zu haben. „Jedoch bedauert die BBC zutiefst, dass sein Mitwirken als unsere Quelle so tragisch endete.“ Die britische Regierung hat die Vorwürfe der BBC zurückgewiesen.

Kritiker beschuldigen die Regierung in London, Kelly in einem nicht hinnehmbaren Maß unter Druck gesetzt zu haben. Die Regierung habe Kelly benutzt, um die BBC-Reportage in Misskredit zu bringen und Blair und seinen PR-Chef Alastair Campbell rein zu waschen. Freunde Kellys hatten erklärt, der Wissenschaftler sei nicht die Art Mensch, die mit einer so strengen Befragung zurecht komme, wie sie vom Parlament praktiziert worden sei.

Am Sonntag forderten die Angehörigen des Toten Politiker und Medien auf, ihr Gewissen im Zusammenhang mit dem Selbstmord Kellys zu prüfen. „Die Vorgänge der vergangenen Wochen haben für David das Leben unerträglich gemacht. Alle Beteiligten sollten über diese Tatsache einmal sehr lange und sehr intensiv nachdenken“, erklärte die Familie.

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