Manchester nach dem Anschlag
Eine Stadt im Ausnahmezustand

In Manchester hat ein Bombenattentat bei einem Pop-Konzert 22 Tote gefordert. Am Tag nach der Terrorattacke rückt das Land zusammen. In der nordenglischen Stadt herrscht gespenstige Ruhe – und zugleich Zuversicht.
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ManchesterDie Stimmung in Manchester ist am Tag nach der Terrorattacke unwirklich. Die Sonne strahlt in der nordenglischen Stadt vom Himmel, es ist ungewöhnlich still. Über dem Stadtzentrum kreisen Hubschrauber, immer wieder rast ein Polizeiwagen durch die meist leeren Straßen. Auf den Kreuzungen stehen Polizisten mit neongrünen Warnwesten, ihre Waffe im Anschlag. Ein Spürhund beschnüffelt die Taschen der Passanten.

Einen Abend zuvor, kurz nach 22.30 Uhr, hatte das amerikanische Popsternchen Ariana Grande gerade die Bühne verlassen. Die 23-Jährige hatte vor einer ausverkauften Halle gestanden – 21.000 Menschen fasst die Manchester Arena. Vor allem Teenies waren zu dem Konzert der „Dangerous Woman Tour“ gekommen, viele in Begleitung ihrer Eltern. Dann eine Explosion. Panik brach aus, die Konzertbesucher versuchten, aus der Halle zu flüchten. Ein 22-jähriger Attentäter aus Manchester hatte sich in die Luft gesprengt. 22 Menschen kamen ums Leben. 59 Menschen wurden verletzt.

Am Dienstagabend haben sich tausende Menschen vor dem Rathaus in Manchester zu einer Mahnwache versammelt. Dichtgedrängt stehen sie in der Abendsonne. Der Bürgermeister der Stadt, Eddy Newman, hält eine kurze Ansprache. „Wir werden die Opfer niemals vergessen. Liebe ist stärker als Hass“. Es wird „eine Kerze der Hoffnung“ angezündet. Viele Menschen auf dem Platz sind ergriffen. „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, nickt ein Mädchen zustimmend. Neben ihr wischt sich ein Mann mit Tattoos auf dem Hals und den Unterarmen Tränen aus den Augen. Nach dem Abschluss der Gedenkfeier gibt es Sprechchöre. „We love Manchester“.

Die britische Premierministerin Theresa May hatte am Nachmittag die Stadt besucht. „In dieser großartigen Stadt wurde einer kalten und feigen Tat mit inspiriertem Mut begegnet“, schrieb sie in das Kondolenzbuch.

Vor der Mahnwache war die Stadt gespenstisch leer gewesen. Die Straßenbahnen fuhren nicht, viele Geschäfte waren geschlossen, „bis auf weiteres“, war auf einem Zettel in einem Schaufenster zu lesen. Mit „We love MCR“- Schriftzügen in Schaufenstern, auf Plakatwänden und Aufstellern von Cafés sprechen sich die Bewohner der Stadt Mut zu. An einer Kirche haben einige Passanten Blumen abgelegt, im Laufe des Tages werden es immer mehr.

Das Gelände rund um die Konzertarena ist weiträumig abgeriegelt. Am Rande der Absperrung stehen am Morgen zwei Mädchen mit einem Poster von Ariana Grande in den Händen. Die 12-jährige Naomi mit ihrer 15-jährigen Schwester Brooke. Sie seien „Riesenfans“ von Ariana Grande, erzählt ihre Mutter Michelle. „Seit einem Jahr hatten wir die Tickets für das Konzert“, sagt sie. „Wir sind extra aus der Nähe von Leeds gekommen. Und dann das“, erzählt sie und ihre Stimme wird wacklig. „Es war schrecklich. Auf einmal haben wir einen Knall gehört und alle sind weggerannt. Es war furchtbar. Es war dunkel, wir haben uns an den Händen gehalten und sind gerannt. Da waren so viele Mädchen mit Blut im Gesicht, es war einfach schrecklich. Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen, wir haben uns immer wieder gefragt, was, wenn wir nicht mehr rausgekommen wären?“. Ihr Auto befindet sich im abgesperrten Bereich, deswegen konnten sie noch nicht nach Hause fahren. „Heute morgen haben wir dann diese schrecklichen Bilder gesehen, da waren Mädchen dabei, die standen gestern noch neben uns. Wir wollen einfach nur noch nach Hause“.

Aus einem Einsatzwagen auf einer Kreuzung vor der Konzerthalle steigt ein älterer Polizist. Er atmet tief durch, zieht sich die schwarze Weste stramm. „Es ist einfach schrecklich, das waren so viele Kinder“, sagt der 52-jährige Scott, der bereits für die Polizei in Manchester im Einsatz war, als der IRA-Anschlag 1996 stattfand. Viele der aktuellen Opfer waren da vermutlich noch nicht einmal geboren. „Aber die Menschen halten jetzt so zusammen, das gibt einem wieder Mut“, sagt der Polizeibeamte. „Heute morgen kam ein Ehepaar vorbei und hat uns 42 warme Mahlzeiten gebracht. Ist das nicht wunderbar? In diesen Zeiten stehen die Menschen zusammen“.

Viele Menschen laufen derweil mit gesenktem Kopf an den Absperrungen vorbei, vorbei an den unzähligen Kamerateams, die von dem Anschlag berichten. Eine asiatische Reporterin übt den Namen der amerikanischen Künstlerin „Adriana?“, fragt sie ihren Begleiter. „Ariana“, antwortet dieser.

Im Gegensatz dazu ist für Philip und Leon der Name Ariana ein Begriff. „Klar, die ist ein Star“, sagt Leon. Die beiden 18-Jährigen aus dem norddeutschen Hameln sind in Manchester auf Klassenfahrt. Sie waren am Vorabend gerade in einem Pub, als sie eine SMS bekamen. Sie sollen so schnell wie möglich zurück in die Jugendherberge kommen, schrieb ihr Lehrer. „Es waren Sirenen zu hören, überall war Polizei und auf den Straßen standen Menschen die weinten“, erzählen die beiden 18-Jährigen aus Hameln. „So etwas hautnah mitzuerleben, ist schlimm“, sagt Philip. Sie hätten zuvor eine Superzeit in Manchester gehabt – mit freundlichen, offenen Menschen.

In der Innenstadt steht ein junger Mann im Anzug. Knapp 30 dürfte er sein und damit nicht zu den Fans von Ariana Grande gehören. „Es waren Leute aus meiner Familie da“, sagt er leise und dreht sich weg. Er hat Tränen in den Augen. „Das war so nah, das nimmt einen mit“. Er spricht vielen in Manchester aus dem Herzen.

Vor einem Lieferwagen in der Innenstadt steht ein Servicemitarbeiter einer Telefongesellschaft. „Es macht einem Angst“, erzählt er, „ich habe eine 16-jährige Tochter, die auf solche Konzerte geht. Gestern musste sie lernen. Drei ihrer Freundinnen sind aber auf dem Konzert gewesen, aber ihnen ist nichts passiert. Trotzdem ist es fürchterlich. Warum machen Menschen das? Warum tun die das Kindern an? Kindern!“. Trotzdem will er sich nicht einschüchtern lassen – und auch seiner Tochter weiterhin erlauben, auf derartige Veranstaltungen zu gehen. „Ich werde mein Leben nicht ändern, nein“, sagt er mit nachdenklichem Blick ans Ende der Straße, wo die blauen Absperrungen der Polizei im Wind flattern. „Vielleicht mache ich mir mehr Sorgen um meine Tochter, aber einsperren kann ich sie nicht.“

Korrespondentin des Handelsblatts.
Kerstin Leitel
Handelsblatt / Korrespondentin

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  • Herr Spiegel...nun nach 70 Jahren Frieden und Wohlstand sind die Menschen eben übersättigt. Offensichtlich vertragen das die Menschen weniger als tödliche Herausforderungen.

    Mit der "Energiewende" werden aus fiktiven Atomstrahlenproblemen wieder reale Herausforderungen der Energieversorgung.

    Mit der Umvolkung wird das Leben auf der Strasse wieder spannend.

  • Es kann doch immer mal eine Bombe versehentlich explodieren, wenn ein Gast für den Freiheitkrieg in seiner Heimat probt und rüstet. Man muß das Positive sehen, wie die vor Geld übergehenden Sozialkassen. Gefüllt von Millionen fleissiger
    Gäste oder gar das BIP, mit all den neuen Gewerben. Also etwas Interation und alles wird gut, sagt Raute.

  • Mensch Harald Trautmann, wo bist Du so lange gewesen?

    Ich wollte schon eine Vermisstenanzeige aufgeben; habe mir Sorgen gemacht!

    Schön, dass Du mit Deinen intelligenten Kommataren hier wieder online bist ...

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