Mangel an Fachkräften befürchtet
Polnische Auswanderer kehren zurück

Die langwierigen und schwierigen Verhandlungen über Übergangsfristen für Arbeitnehmer nach der EU-Erweiterung am 1. Mai ließen mitunter den Eindruck aufkommen, die Osteuropäer ständen bereits mit gepackten Koffern bereit. 100 Tage nach dem EU-Beitritt ist der von einigen befürchtete Massenexodus der Polen ausgeblieben.

HB WARSCHAU. Nur einige tausend Menschen aus dem größten Beitrittsstaat haben ihrer Heimat den Rücken gekehrt und arbeiten nun in Großbritannien, Irland oder Schweden, den einzigen Staaten, in denen die EU-Bürger sofort ohne Restriktionen nach Arbeit suchen können.

Dabei sah es in den ersten Maitagen noch ganz so aus, als ob die britischen Inseln für die Polen zum Land der Hoffnung mutierten. Fast jeder fünfte in Polen ist ohne Arbeit, junge Leute sind besonders stark betroffen. Viele packten gleich Anfang Mai ihre Siebensachen zusammen und machten sich kurzentschlossen auf den Weg. Busse nach London waren für Wochen ausgebucht, vor allem aus den besonders von Verarmung und Arbeitslosigkeit betroffenen Regionen.

Allein im Mai trafen rund 50 000 Polen in Großbritannien ein. Doch die meisten kehrten innerhalb weniger Wochen nach Polen zurück, desillusioniert und meist ohne Geld. Mal waren die verhinderten Immigranten nicht ausreichend auf die Stellensuche vorbereitet, mal fehlten ihnen die notwendigen Sprachkenntnisse. Viele verloren ihre Ersparnisse bei Betrügern, die als Stellenvermittler auftraten. Doch der versprochene Job existierte nicht.

Nach britischen Schätzungen sind nur etwa 7 000 Polen seit dem EU-Beitritt in Großbritannien geblieben. „Das ist keine Flut von Emigranten, sondern nur ein kleiner Strom“, meinte Christopher Thompson, britischer Botschaftsrat in Warschau. Und für qualifizierte Bewerber gibt es noch viele Chancen. „Wir bieten mehr als eine halbe Million Arbeitsplätze“, sagte Thompson. Doch viele an einem Auslandsjob interessierte polnische Arbeitslose können nicht die notwendigen Englischkenntnisse vorweisen.

Noch geringer als nach Großbritannien war bisher der Andrang nach Schweden. Im ersten Halbjahr 2004 reisten rund 2 600 Arbeitssuchende aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten nach Schweden, die Hälfte von ihnen Polen, berichtete die Zeitung „Rzeczpospolita“ unter Berufung auf die schwedischen Einwanderungsbehörden.

Einige der in Schweden besonders begehrten Neuankömmlinge werden in Polen allerdings schmerzlich vermisst: Krankenhausärzte und Krankenschwestern finden in Schweden bessere Arbeitsbedingungen und wesentlich bessere Bezahlung. In Polen wird bereits befürchtet, dass die Abwanderung der Fachkräfte die Krise des ohnehin mit Problemen überhäuften Gesundheitswesens weiter verschärft. Nach Angaben der polnischen Ärztekammer haben bis Ende Juni mehr als tausend Ärzte das Land verlassen, um im Ausland zu arbeiten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%