Mangel an Medizinern auf der britischen Insel
Die fliegenden Ärzte

Dienstagmorgen, kurz nach acht. Die Augenringe von Thorsten Ahlert haben sich tief eingegraben. Mit einem Ruck zieht der Arzt die Vorhänge auf. Ein trüber Sommerregen. Schnell wirft der Doktor sein Stethoskop in die Ledertasche. Für Ahlert ist es das Ende der Nachtschicht in Kings Lynn, einem dieser schmucklosen Städtchen in der englischen Küstengrafschaft Norfolk.

KINGS LYNN. Der Deutsche muss sich sputen, sein Flieger geht um 11.35 Uhr von London-Stansted, gut eine Stunde Fahrtzeit entfernt. Der Arzt aus Heidelberg gehört zu den „Flying Doctors“, die seit einigen Monaten regelmäßig aus Deutschland für Nacht- und Wochenendschichten auf die Insel düsen. Lukratives Insel-Hopping: Ein Wochenendeinsatz bringt im Schnitt zwischen 2 000 und 3 000 Euro. „Im Vergleich zu Deutschland paradiesisch schnell verdientes Geld“, freut sich der Heidelberger.

Grund für die medizinische Luftbrücke ist der chronische Ärztemangel im britischen Gesundheitssystem NHS. In Deutschland gibt es fast doppelt so viel registrierte Mediziner wie in Großbritannien, wo mindestens 10 000 Hausärzte sowie 10 000 Fachärzte fehlen. Die promovierten Wochenend-Hopper kommen zu den ohnehin schon vielen ausländischen Ärzten hinzu, die auf der Insel praktizieren.

„Immerhin sind die Briten so ausländische Ärzte gewohnt“, sagt Ahlert, der seit Dezember alle zwei Wochen einfliegt. Er habe bei seinen Diensten in England noch nie Vorurteile erlebt. „Mal abgesehen während der Fußball-EM“, fügt er dann lachend an. Da hat die Insel ihre eigenen Gesetze.

Dort ginge ohne die „fliegenden Weißkittel“ nichts mehr: Eine neue Notdienstregelung ist zum unlösbaren Problem geworden. Künftig müssen die wenigen Hausärzte auf der Insel nicht mehr rund um die Uhr im Einsatz sein, können Nacht- und Wochenendschichten ablehnen. Damit soll der Beruf des Hausarztes wieder attraktiver werden, so der Gedanke der Londoner Regierung, die damit eigentlich den Ärztemangel endlich bekämpfen will.

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