Mangelhafte Koordination der Projekte
Afghanistan leidet unter seinen Helfern

Milliarden Dollar für den Wiederaufbau hatte die Weltgemeinschaft nach dem Sturz der Taliban im Spätherbst 2001 bereitgestellt – doch mit der effizienten Koordination der Projekte hapert es. Zu wenig seien die Programme aufeinander abgestimmt, klagen Wirtschaftsvertreter in Kabul, die Flut der Hilfsorganisationen verderbe die Preise. „Wir werden von den ausländischen Partnern meist vor vollendete Tatsachen gestellt“, kritisiert Wiederaufbauminister Amin Farhang.

KABUL. Viele Experten kämen „als Besserwisser“ nach Kabul. Einige internationale Organisationen stellten gar das eigene Interesse in den Vordergrund: „Die schönsten Häuser, Gehälter bis zu 15 000 $, die besten Autos. Das alles sind Gelder, die für den Wiederaufbau eingesetzt werden sollten“, sagt Farhang.

Diese Kritik wird von Wirtschaftsvertretern geteilt. Die Geberländer hatten sich die Schwerpunkte ihrer Hilfe selbst ausgesucht – Deutschland konzentriert sich auf Wasser, Energie, Wirtschaftsförderung und Polizeiaufbau. Doch statt die eigenen Planungen mit dem afghanischen Partnerministerium abzustimmen kommen die Geber mit fertigen Konzepten nach Kabul. Den Ministerien bleibe meist nichts anderes übrig, als die Vorschläge zu übernehmen – oder ganz zu verzichten, berichtet Gholam Sachi Hassanzadah, Präsident von Siemens Afghanistan.

Der Ansturm der Helfer aus dem Ausland hat zudem den so genannten „Brain Drain“ verschärft. Viele Fachleute, die die Arbeit in einem Ministerium planen könnten, hatte das Land in den 23 langen Bürgerkriegsjahren verloren. „Manche Ministerien werden nur von zwei oder drei Leuten geführt“, sagt Shafic Gawhari von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz) in Kabul. Die wenigen, die heute noch über Fachwissen verfügen, werden dafür um so heftiger umworben. „Ich muss hier einem Ingenieur das drei- oder vierfache seines Normallohns von 300 $ bieten, damit er zu mir kommt“, sagt Hassanzadah. Und selbst dann laufe er noch Gefahr, ihn an eine Hilfsorganisation zu verlieren, die ihn mit einem Gehalt von 2 000 $ ködert.

Die so genannte „Uno-Ökonomie“ hat alle Preisrelationen ins Rutschen gebracht. Ob Wohnungen, Möbel oder Spielzeug: Verlangt werden westliche Preise – weil sie von einer Mehrzahl der Ausländer, die zumeist von der Steuer freigestellt sind – auch bezahlt werden. Daher wächst die Sorge, Kabuls aktuelle Blüte, der Boom der Baubranche, des Handels und der Dienstleistungen, könne von kurzer Dauer sein. Haben die Organisationen erst einmal ihr Geld ausgegeben, droht die Konjunktur schnell wieder in sich zusammenfallen.

Kritiker mahnen deshalb eine nachhaltigere Aufbauhilfe an. So will die gtz schon seit längerem Gewerbegebiete ausweisen. Zudem wurde jetzt die Investment Support Agency (ISA) in Kabul eröffnet. „Die ISA wird als One-Stop-Agency das Leben der internationalen Investoren erleichtern“, sagt Stephan Kinnemann, von der deutschen Regierung beauftragte Handels- und Investitionsberater der afghanischen Regierung.

Mit dem Entwurf für ein neues Investitionsgesetz soll bald die rechtliche Basis für ausländisches Engagement gelegt werden. Unter Federführung der Deutschen sind mehrere Schlüsselpunkte in die Gesetzesvorlage aufgenommen worden. So werden 100-prozentige ausländische Beteiligungen erlaubt sein, die Pacht von Grund und Boden auf 50 Jahre, es wird keine Steuer auf Ein- und Ausfuhr von Investitionsgüter geben und Gewinne dürfen zu 100% repatriiert werden. Zudem kann die Afghan Investment Support Agency, ein Gremium aus sieben Ministern und zwei Wirtschaftsvertretern, Investitionen bis zu 3 Mill. $ alleine bewilligen. Dies soll die Entscheidungsprozesse vereinfachen, die sich bei rund 30 Ministerien eher schleppend gestalten.

Doch noch fehlt es an der notwendigen Infrastruktur. Ein besonderes Handicap sind die anhaltenden Energieengpässe. Die beiden überalterten Wasserkraftwerke in Sarubi und Mahipar leisten kaum mehr als 100 MW. Ganze Stadtviertel Kabuls sind tagsüber vom Strom abgeschnitten. Und doch genießt das Thema Energie keine Priorität beim Wiederaufbau.

Mitarbeit: F. Drost, G. Watzlawek

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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