Manmohan Singh im Handelsblatt-Interview
„Wir brauchen riesige Investitionen“

Intelligenz, Integrität und Loyalität verhalfen Manmohan Singh zum Posten des indischen Premiers. Gegenüber dem Handelsblatt spricht er über die Wachstumsperspektiven seines Landes, das Verhältnis zum mächtigen Nachbarn China und den Ausbau der strategischen Partnerschaft mit Deutschland.

Herr Premierminister, sie waren im Jahr 1991 der Architekt weit reichender Reformen in Indien. Die Wirtschaft wächst seitdem rasant. Kann diese Entwicklung so weitergehen?

Das Wachstum hat sich durch den Reformprozess deutlich beschleunigt. Unsere Wirtschaft wächst seit 1991 im Schnitt um sechs Prozent pro Jahr, in den vergangenen Jahren sogar mit 7,5 bis acht Prozent. In den nächsten fünf Jahren wollen wir das Wachstum auf zehn Prozent heben.

Ist das denn realistisch?

Es ist machbar. Indiens Sparquote ist auf 29 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Parallel dazu erhöhte sich die Investitionsquote auf 31 Prozent. Das ermöglicht acht Prozent Wirtschaftswachstum. In den kommenden Jahren wird die Sparquote weiter zulegen. Dafür sorgt das Altersprofil unserer Gesellschaft, durch das die Zahl der Beschäftigten anschwillt. Die Investitionsrate wird schon bald auf 35 oder 36 Prozent anziehen. Damit bewegt sich unsere Wirtschaft auf zehn Prozent Wachstum zu. Das brauchen wir auch, um genügend Arbeit zu schaffen und Ressourcen zu generieren für Investitionen in Infrastruktur, Gesundheit, Bildung und Umweltschutz.

Der Zustand von Indiens Infrastruktur ist die größte Sorge von Investoren. Wie schnell können sie Abhilfe schaffen?

Wir brauchen riesige Investitionen, wenn wir die Engpässe beheben und die gleichfalls großen Herausforderungen im Energie- und Wasserbereich überwinden wollen. Dabei spielen ausländische Firmen eine wichtige Rolle. Aber es tut sich bereits viel. Unser Straßensystem wächst, Häfen werden gebaut und Flughäfen modernisiert. Jetzt wird auch das Eisenbahnnetz erneuert. Wenn wir diesen Schwung halten, wird das Land bald anders aussehen.

Indiens Staat hat kaum Geld. Wie verbessern sie die Rahmenbedingungen für ein größeres Engagement der Privatwirtschaft im Infrastrukturbereich?

Infrastrukturbereiche sind meist von Natur aus Oligopole. Daher brauchen wir einen guten Regulierungsrahmen, und den schaffen wir. Wir etablieren Regulierer in allen wichtigen Bereichen, von Straßen bis zur Petroleum-Branche. Im Telekomsektor haben wir seit Jahren einen Regulierer und eine Schlichtungsstelle, und die Branche wächst explosiv. Dieses Vorbild übertragen wir nun auf den Stromversorgungsbereich.

Indien erhält viel weniger Direktinvestitionen als China, und noch immer behindern Restriktionen Ausländer. Allianz, Deutsche Bank und Metro AG zum Beispiel wollen mehr, als sie dürfen.

Ausländischen Banken werden wir schrittweise eine größere Rolle ermöglichen. Versicherungen dürfen heute Anteile von 26 Prozent halten. Wir beabsichtigen, dieses auf 49 Prozent zu erhöhen. Aber dafür brauchen wir einen Konsens in unserer Koalition, und dieser ist derzeit nicht in Sicht. Langfristig wird die Liberalisierung des Banken- und Versicherungswesens weitergehen.

Und im Einzelhandel, vor allem bei Supermärkten?

Wir haben mit einer vorsichtigen Öffnung für Einzelhändler angefangen, die eigene Marken vertreiben. Aus dieser Erfahrung werden wir lernen. In unserem Land haben kleine Ladenbesitzer starken Einfluss auf alle Parteien, und sie haben Angst vor dem Unbekannten. Aber mit der Zeit sollten wir Ausländern eine größere Präsenz auch in diesem Bereich ermöglichen.

In Liberalisierungsfragen bremsen vor allem die Kommunisten, die ihre Koalitionsregierung tolerieren. Wie stark hindern Sie diese realpolitischen Zwänge?

Sie begrenzen unsere Optionen auf kurze Sicht. Es kostet uns viel Zeit, unsere Koalitionspartner zu überzeugen. Es gibt Differenzen über das Liberalisierungstempo, aber die grobe Richtung stellen auch die Kommunisten nicht in Frage.

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