Mann und Frau
Iran: Wo die Geschlechtsumwandlung boomt

Homosexuellen droht in Iran der Tod. In der islamischen Republik wechseln deshalb so viele Menschen ihr Geschlecht wie sonst nur noch in Thailand. Privatkliniken verdienen gut daran. Die heikle Doppelmoral aber können die Chirurgen nicht aus der Welt schaffen.

TEHERAN. Er rechnet nicht mehr ständig damit, doch vor einigen Tagen ist es wieder passiert, in der Bankfiliale in seinem Viertel. Eine klimatisierte Halle, die Frau am Schalter ist jung und dunkel verschleiert. Sie fragt nach seinem Pass, ihr Blick ruht einige Sekunden lang auf dem Papier, dann hebt sie den Kopf, ein Ausdruck voller Verachtung und Abscheu ist in ihrem Gesicht, er trifft Mehrdad (Anm. d. Red.: Name geändert) jäh und hart wie ein Schlag. Schweiß rinnt aus seinen Poren, er spürt, wie der Stoff seines Polohemds an ihm zu kleben beginnt. Gedankenfetzen schießen ihm durchs Gehirn, sein Mund öffnet und schließt sich. Wortlos stürzt er davon.

„Ich bin nach Hause gegangen“, sagt er, „und habe den ganzen Nachmittag geweint.“ Mehrdad sitzt in seinem engen Wohnzimmer in Enqelab, einem bürgerlichen Mittelklasseviertel im Zentrum Teherans. Er raucht dünne, perlweiße Zigaretten. Es herrscht tadellose Ordnung, Kekse und Zuckerdosen haben ihren Platz auf beigefarbenen Häkeldeckchen. Vor ihm liegt sein Pass, das Foto zeigt eine stämmige Frau, Fereshteh, geboren am 16. März 1968. Mehrdad betrachtet sie wie eine Fremde, nicht wie seine Vergangenheit. Sein wahres Ich, das war immer schon ein anderer, ein Mann: Mehrdad, geboren vor einem Monat in einem Teheraner Krankenhaus.

Er öffnete die Augen, spürte nach der Operation stechende Schmerzen im Unterleib, eine Krankenschwester beugte sich über ihn und fragte, wie er sich fühle. Er fühlte, dass zum ersten Mal sein Körper und seine Seele im Einklang miteinander standen. Für Mehrdad bedeutete die Geschlechtsumwandlung den Beginn seines richtigen Lebens.

Für Schirin (Anm. d. Red.: Name geändert) das Ende aller Hoffnungen.

Viele Menschen führen zwei Leben

Sie läuft durch das Zentrum dieser brüchigen, grauen Stadt, sie geht nicht schnell und nicht langsam, weil es wichtig ist, nicht aufzufallen. Am Vanak-Platz flackern bunte Werbebilder über einen kinoleinwandgroßen Bildschirm, am Straßenrand steht ein halbes Dutzend Sittenpolizisten. Ab und an winken sie einer der Frauen aus der Menge, die sich ihre Hermès-Kopftücher so weit nach hinten geschoben haben, dass aufwendig frisierte Haarsträhnen zu sehen sind. Schirin beachtet sie nicht. An ihrer Kleidung ist nichts Provokantes, sie trägt einen schlichten schwarzen Mantel, Jeans, ein schwarzes Kopftuch. Doch sie weiß, dass sie heraussticht, schon wegen ihrer Größe. „Wir Transsexuellen werden ständig belästigt“, sagt Schirin, „auch von Polizisten. Manchmal fragen sie mich sofort nach Sex, manchmal schreiben sie sich meine Telefonnummer auf und rufen später an.“

Mehrdad. Schirin. Zwei Leben in Iran, einem Land, dessen gesellschaftliche Ordnung von einem Widerspruch bestimmt ist: zwischen Moralvorstellung und Wirklichkeit, zwischen frommer Tradition und globalisierter Moderne. Es gibt Verbote, es gibt strenge Sittenvorschriften, die von Polizisten und regimetreuen Milizen überwacht werden, trotzdem gibt es für jedes Gesetz auch einen Weg, es zu umgehen: mit Alkohol vom Schwarzmarkt, Popmusik aus dem Internet, Drogen an jeder Straßenecke, Undergroundpartys und Onlineflirtbörsen. Viele Menschen führen deshalb zwei Leben: ein öffentliches, regelkonformes und ein zweites, privates.

Die landesweiten Massenaufstände nach den Präsidentschaftswahlen im Juni haben bloßgelegt, wie tief dieser Widerspruch die Gesellschaft spaltet: Der reformorientierte Präsidentschaftskandidat Mir-Hossein Moussavi stand für die Hoffnungen vieler auf ein wenig gesellschaftliche Liberalisierung. Seit der islamischen Revolution vor 30 Jahren hatte es so große Demonstrationen nicht mehr gegeben. Die Machthaber ließen sie mit brutaler Gewalt niederschlagen; sie vollständig zu ersticken ist ihnen bis heute nicht gelungen.

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