Manuel Valls: Der Premier, der sich trauen muss

Manuel Valls
Der Premier, der sich trauen muss

Mit seinem Amtsantritt als neuer französischer Premierminister ist Manuel Valls am Ziel angekommen. Nun muss der Sozialist beweisen, dass er nicht nur intrigieren, sondern auch kooperieren kann.
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ParisEin wenig ist es, als zöge eine feindliche Macht ein: Im Innenhof des Hotel Matignon, Amtssitz des französischen Premierministers, stehen auf der einen Seite mit trauriger Miene die rund 200 Mitarbeiter des bisherigen Amtsinhabers. Ihnen gegenüber, getrennt durch zwei Absperrseile, mit triumphalem Ausdruck diejenigen des neuen, des Mannes, der endlich am Ziel ist: Manuel Valls hat Jean-Marc Ayrault als Regierungschef verdrängt.

Als er angefahren kommt in einer Citroën Limousine und von Ayrault mit fast gütigem Lächeln empfangen wird, ist Valls keinerlei Zufriedenheit anzumerken. Angespannt ist er, das Gesicht gerötet, das Lächeln mit aller Kraft der Gesichtsmuskeln erzwungen. Die beiden schütteln sich die Hand. Ayrault, der Geschlagene, der lange um sein Amt gekämpft hat, ist keine Bitterkeit anzumerken, er wirkt gelassen, mit sich im Reinen. Seit Monaten hat Valls gegen ihn gebohrt und intrigriert, hat ihm vorgeworfen, im Amt zu versagen, zu wenig Disziplin im Kabinett durchzusetzen. Schon vor einigen Wochen hoffte er, am Ziel zu sein – doch Hollande hielt an Ayrault fest, mit dem er seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Eigentlich wollte er ihn bis Anfang nächsten Jahres halten und erst dann möglicherweise auswechseln.

Doch nach der schweren Niederlage schon bei der ersten Runde der Kommunalwahl vor anderthalb Wochen heizte der Präsident plötzlich selber die Spekulationen um Ayrault an. In den Tagen vor der Stichwahl empfing er Journalisten und ließ durchblicken, dass Ayrault auf der Kippe stehe. Ein seltsamer Vorgang: Statt seinem Regierungschef den Rücken zu stärken, schwächte Hollande ihn. Am vergangenen Sonntag dann verschärfte sich die Niederlage der Sozialisten. Hollande konnte sich zu keiner Entscheidung durchringen. Da ging Valls aufs Ganze: Er soll Hollande sogar gedroht haben, er werde zurücktreten, falls er nicht sofort Ayraults Nachfolger werde. Ayrault kämpfte weiter um sein Amt, doch er verlor.

Die Schlacht ist geschlagen, die beiden Kontrahenten gehen Seite an Seite die Stufen von Matignon empor, dem Palais, das kleiner und diskreter, aber wesentlich schöner ist als der protzige Elysée. Während Ayrault und Valls sich zur Übergabe zurückziehen, bleiben auf dem Hof die Fronten bestehen. Die Eroberer stehen weiter den Geschlagenen gegenüber. Niemand wechselt die Seiten. In Frankreich ist eine Übergabe selbst unter Parteifreunden eher eine feindliche Übernahme: Praktisch alle Mitarbeiter werden ausgewechselt. Ayraults Leute haben schon am Vortag, als Hollande die Nachricht erst im TV verkündete, ihre Büros geräumt.

Viele von ihnen haben das Gefühl, zu Unrecht vom Hof gejagt zu werden, eine gute Arbeit nicht fortsetzen zu können. In der Tat ist Ayrault nun der Sündenbock für einen Präsidenten, der keine politische Linie findet, seinem Premier aber auch keinen Spielraum lassen will. Die Hoffnung derjenigen, die immer noch Hoffnung haben, ist: Valls wird Hollande viel härter entgegentreten als Ayrault.

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